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Publishing-Trends 2019: Was für Verlage wichtig wird

Das Jahr 2018 steckte für Verlage voller Überraschungen, viele Neuerungen – unter anderem das Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) – sorgten für Diskussionen und Veränderungen in der Branche. Doch wie sieht es mit dem Jahr 2019 aus? Wir wagen einen Blick in die Zukunft und nennen sechs Trends für die Publisher-Branche, die besonders vielversprechend sind und Potenzial bieten.

Der Status Quo in der Verlagsbranche

Im letzten Jahr haben sich vor allem digitale Publisher auf ihre Webseiten und auf Grundlagen wie SEO konzentriert. Aber auch neue Arten von Abonnements für digitale Formate wurden entwickelt und mit Podcasting experimentiert. In Sachen Künstlicher Intelligenz befindet sich die Branche zwar noch am Anfang, doch bietet diese Technologie viele Chancen, beispielsweise für die Verarbeitung großer Datenmengen oder die Verwaltung von Content in Echtzeit.

Die Top-Trends 2019

Mit welchen (Weiter-)Entwicklungen können wir in den nächsten Monaten rechnen? Deutlich erkennbar ist, dass auch in diesem Jahr viele Trends darauf hinführen, die Reichweite digitaler Angebote zu verbessern und diese in möglichst tragfähige Geschäftsmodelle zu verwandeln.

1. Suchmaschinenoptimierung (SEO) und Unabhängigkeit von einzelnen Netzwerken

Für viele Verleger ist SEO nach wie vor eine bewährte Methode, um eine höhere Reichweite zu erzielen und das eigene Publikum zu vergrößern. Und sie müssen ständig nach neuen Möglichkeiten suchen, um ihre Zielgruppe zu erreichen und zu binden. Die Notwendigkeit für Suchmaschinenoptimierung ist also gegeben. Und Suchmaschinen bieten eine zuverlässige und konsistente Form des Verkehrs.

Wer in diesem Jahr auf SEO setzten will, sollte sich auch mit Schema.org auseinandersetzen. Zusammen mit Formaten wie Microdata, RDFa oder JSON-LD können Webinhalten weitere Informationen hinzugefügt werden. Diese zusätzlichen Inhalte verbessern das Verständnis der Suchmaschinen für diesen Inhalt. Webseiten profitieren von verbesserten Ergebnissen in den SERPs (Search Engine Result Pages).

2. Aufbau eines qualitativ hochwertigen Publikums

Das nachhaltige Wachstum der Zielgruppe war bereits im letzten Jahr eine große Herausforderung. Und sie wird auch 2019 nicht weniger relevant.

Diese Entwicklung war vorhersehbar. Denn der Auf- und Ausbau einer treuen Leserschaft ist das Kerngeschäft eines jeden Verlags. Sobald eine Zielgruppe vorhanden ist, kann der Datenverkehr monetarisiert werden. Neue Wege und zeitgemäße Inhalte wie Videos oder Podcasts stellen die Steigerung des Publikums sicher.

3. Eigene Vertriebskanäle statt Facebook & Co.

Die Begeisterung vieler Verlage und Medien ist in Sachen Facebook Instant Articles und Google AMP deutlich abgekühlt. Was nicht zuletzt an der Erkenntnis liegt, dass Kooperationen am Ende primär den Mediengiganten etwas nutzen.

Aber auch gehypte Erlösbringer wie Blendle mit ihrem „Netflix für Journalismus“ oder Google AMP bescherten Verlagen keine nennenswerten Erlöse. Verlage sollten stattdessen eigene Vertriebskanäle aufbauen und auf die Kraft ihrer Marke setzen.

4. Paid Content erlebt eine Renaissance

Paid Content könnte für Verlage eine weitere Möglichkeit sein, hohe Erlöse zu erzielen. Denn digitale Zeitungsausgaben werden immer beliebter: Laut der Deloitte Media Consumer Survey lesen 44 Prozent der Verbraucher in Deutschland zwischen 14 und 65 einmal in der Woche die Digitalausgabe einer Tageszeitung.

Verlage sollte sich die Nachfrage nach Paid Content zunutze machen. Ob E-Paper-Zeitungsausgaben oder kostenpflichtige Einzelartikel, Leser sind bereit für qualitativ hochwertige Fachartikel und Kommentare online zu zahlen. Inspiration kann man sich bei Medienmarken wie Bild und Süddeutsche mit ihren Paid-Content-Angeboten oder auch bei der Verlagsgruppe Handelsblatt mit ihrem Digitalpass holen.

5. Content-Licensing als Alternative mit Potenzial

Wer bereits über eine Paid-Content-Strategie verfügt, für den ist es an der Zeit, über den Tellerrand der eigenen Portale hinauszuschauen und weitere Vertriebskanäle für den eigenen Content zu erschließen. Beispielsweise im B2B-Bereich: Unternehmen, die Content Marketing betreiben, sind nicht nur Konkurrenten. Sie sind auch potenzielle Abnehmer für Inhalte.

Mit dem Verkauf von Content-Lizenzen können Verlage mittels Zweit- und Drittverwertung Firmen ermöglichen, ihre Inhalte für einen bestimmten Zeitraum zu nutzen. Da langfristige Themen, auch „Evergreen Content“ genannt, sehr beliebt sind, könnten in den Archiven zahlreicher Verlage wahre Schätze schlummern – die auch heutzutage bares Geld wert sind. Und: Mit Content-Licensing erreichen Verlage ein neues Publikum, dass bereit ist, für digitale Inhalte zu zahlen. Informationen zu Content-Licensing-Modellen finden Sie zum Beispiel bei Contiago.

6. Künstliche Intelligenz: Daten und Content im Griff

Die großen Medienhäuser zeigen, wo die Reise der Künstlichen Intelligenz im Publishing hingeht. Neue Technologien können überall dort Nutzen stiften, wo große Mengen an Daten und Content in Echtzeit verwaltet und gesteuert werden müssen. Die Herausforderung für Verlage besteht darin, KI als Chance zu begreifen und Strukturen und Prozesse schrittweise zu digitalisieren. Dazu gehört der Mut, Publishing neu zu denken und sich neuen Technologien gezielt zu öffnen.

Mehr zum Einsatz von KI in Verlagen lesen Sie hier in unserem Blog.

Fazit:
Viele Herausforderungen und viele Möglichkeiten für Verlage

Print wird es auch in Zukunft nicht leicht haben. Umso wichtiger ist es, dass Verlage ihre digitalen Produkte ausbauen und im Hinblick auf ihre Zielgruppe optimieren. Ohne Suchmaschinenoptimierung, den Ausbau der eigenen Leserschaft oder Vertriebskanäle abseits von Facebook & Co. werden es digitale Publisher schwer haben.

Doch neue Geschäftsmodelle wie Paid Content oder Content Licensing helfen Verlagen bei der Festigung der bestehenden Leserschaft, aber auch beim Erschließen neuer Geschäftsbereiche.

Verlage können auch 2019 auf viele neue Möglichkeiten zurückgreifen. Sie müssen diese nur erkennen und für sich nutzen!

KI in der Verlagsbranche: Anwendungsbereiche und Trends 2019

Contiago Blog: KI in der Verlagsbranche: Anwendungsbereiche und Trends 2019. Bildquelle: Tatiana Shepeleva/shutterstock.com

Künstliche Intelligenz bietet für Publisher große Chancen, aber auch Herausforderungen. Wir zeigen, wie KI schon heute in Verlagen eingesetzt wird, werfen einen Blick in die Zukunft und geben hilfreiche Tipps für den Einstieg.

Noch vor zehn Jahren kam Künstliche Intelligenz fast nur im akademischen Bereich zum Einsatz. Mittlerweile sind auch Unternehmen auf den Geschmack gekommen. Nahezu jede Branche setzt KI-Anwendungen ein, etwa um Entscheidungen im Business schneller und besser treffen zu können, das Wissen über Kunden zu verbessern oder Produktion und Logistik zu automatisieren – kurz: Unternehmen nutzen KI, um mehr aus Daten herauszuholen und um Prozesse effizienter zu machen. In Medienhäusern beschränkte sich der Einsatz von KI lange auf Verkauf und Vertrieb. Doch das ändert sich allmählich.

Welche Rolle spielt KI heute und zukünftig in Verlagen und Medienhäusern?

Künstliche Intelligenz wird für das Kerngeschäft der Publisher zukünftig immer wichtiger. Neue Technologien sind schon heute in der Lage, Content in unterschiedlichen Formaten – Text, Bild und Video – nicht nur formal, sondern auch inhaltlich zu verstehen. Riesige Mengen an Content können mit KI automatisch gefiltert, sortiert und angereichert werden. Die semantische Verknüpfung über Metadaten ermöglicht es wiederum, Content automatisiert zu verarbeiten.

Auch die Produktion von Inhalten wird von KI bereits an vielen Stellen unterstützt. Data Science, Analyse-Methoden und lernende Maschinen erzeugen Algorithmen für die automatisierte Recherche und Erstellung, für die assistierte Suche und Analyse von Archivmaterial oder maschinell erzeugte Texte und Metainformationen. Text-Engines wie rtr von retresco generieren heute schon vollautomatisch redaktionelle Texte in Echtzeit und in jeder Sprache.

Auf betriebswirtschaftlicher Ebene kann KI dabei unterstützen, große Mengen von Kundendaten in Verbindung mit Kennzahlen zur Nutzung von Inhalten in Echtzeit zu analysieren. Auf diese Weise können Verlage den Bedarf Ihrer Leser sehr genau ermitteln und passende Produkte entwickeln. Mit dem Wissen über den Bedarf der Zielgruppe lassen sich auch Marketing- und Vertriebsaktivitäten gezielter ausrichten und somit effizienter gestalten.

Wo liegen die Herausforderungen für Verlage, wenn sie KI einführen wollen?

Die größte Herausforderung ist gleichzeitig die Grundvoraussetzung dafür, das KI überhaupt funktioniert: der Umgang mit großen Datenmengen. Wie schnell Künstliche Intelligenz bestimmte Aufgaben erlernen und im Unternehmen produktiv tätig werden kann, hängt wesentlich davon ab, wieviele Daten ein Verlag bereitstellen kann. Dabei geht es nicht um Excel-Tabellen mit Kundendaten und ein paar Nutzungsdaten aus Website-Analytics, sondern um “Big Data”.

Wenn jeder Artikel laufend mit Metadaten angereichert wird und jeder “Touchpoint” zum Leser in Echtzeit Daten liefert, dann kommt es zu einer Datenflut, die ein Verlag bewältigen muss. Das ist besonders für kleinere Unternehmen eine große Herausforderung. Neue Lösungen wie etwa NoSQL-Datenbanken können dabei unterstützen, indem sie schnell und einfach Daten zusammenführen und verfügbar machen. Auch die Visualisierung von Daten (“Immersive Data”) verspricht eine leichtere Handhabung. Hier können Verlage konkret ansetzen.

Gibt es Beispiele für Verlage, die KI bereits erfolgreich einsetzen?

Die “Großen” machen es vor: 2017 veröffentlichte die Washington Post über 850 Artikel, die nicht von Menschen geschrieben wurden. Das System „Heliograf“ verfasst kleinere Meldungen wie etwa Sport-News und wertet Nutzungsdaten aus. Hier ist in der Praxis noch viel Luft nach oben, wie das folgende Beispiel zeigt:

“Schon im Jahr 2016 gestaltete der Supercomputer Watson von IBM eine eigene komplette Ausgabe des britischen Marketings-Magazins »The Drum«. Dazu gehörten auch die Aufgaben eines Chefredakteurs: die Themenauswahl, die Suche nach passenden Bildern, die visuelle Gestaltung der Zeitung und das Verfassen von Texten. Watson erledigte die Aufgabe mit Bravour und die Ausgabe ging mit einer Auflage von 1000 Stück in den Druck. Die temporär arbeitslosen Journalisten des Magazins nahmen die Auszeit mit Humor und entspannten derweil an ihren Arbeitsplätzen.” – Handelskraft

Für die Interaktion mit Lesern hat beispielsweise der Guardian einen Chatbot entwickelt, der die neuesten Nachrichten über den Facebook-Messenger ausliefert und auf Fragen der Leser reagiert. Die New York Times experimentiert mit einem Tool, das die Betreuung von Online-Kommentaren übernimmt. “Perspective API” von der Google-Firma Alphabet sortiert automatisch Kommentare basierend auf ihrer Tonalität.

BBC setzt auf “Semantic Discovery”, um Informationen zu sammeln und in Beziehung zueinander zu setzen. Nach fast zehnjähriger Entwicklung besitzt BBC heute nach Einschätzung von Experten eines der leistungsfähigsten Werkzeuge in diesem Bereich. Kleinere Verlage können von diesen Entwicklungen profitieren, indem Sie die entsprechenden Tools lizensieren und im Kleinen für ihr Business nutzen.

Worauf sollten Verlage achten, wenn sie ins Thema KI einsteigen?

Digitalisierung in Medienhäusern scheitert, wenn sie zu schnell und zu viel erreichen wollen. Besonders kleinere und noch “wenig digitalisierte” Unternehmen sollten planvoll und schrittweise vorgehen, Stichwort: agile Implementierung. Die folgenden drei Aspekte sollen grob skizzieren, worauf beim Einstieg in KI zu achten ist.

  1. In welchen Bereichen des Unternehmens kann KI schnell und mit möglichst geringem Risiko einen messbaren Nutzen stiften? Dies sind in der Regel solche Bereiche, in denen bereits zuverlässig mit Daten gearbeitet wird und die entsprechenden Prozesse und Strukturen für “Big Data” vorhanden sind, z.B. Marketing, Vertrieb, Kundenservice, Logistik und Produktion. Agile Tests helfen, mögliche Anwendungsfälle mit geringem Risiko zu identifizieren.
  2. Zu den Grundvoraussetzungen für KI gehören nicht nur die richtige Technologie und Tools, sondern auch der Aufbau von Expertise. Kann das Wissen intern abgedeckt bzw. aufgebaut werden oder sollte ein Dienstleister hinzugezogen werden? Letzteres bietet sich für agile Projekte, die schnell und mit geringem Veränderungsaufwand umgesetzt werden sollen, an.
  3. Die Integration von KI in konkrete Arbeitsabläufe und Strukturen im Unternehmen sorgt nicht selten für Misstrauen und Widerstand im Unternehmen. Menschen müssen überzeugt und “mitgenommen” werden. Kleine und überschaubare Projekte liefern schnelle Ergebnisse, die im Idealfall dazu beitragen, Ängste und Vorbehalte im Unternehmen abzubauen. Eine wichtige Rolle spielt eine transparente und auf Vertrauen basierende Kommunikation im Verlag.

Fazit:

Die großen Medienhäuser zeigen, wo die Reise der Künstlichen Intelligenz im Publishing hingeht. Neue Technologien können überall dort Nutzen stiften, wo große Mengen an Daten und Content in Echtzeit verwaltet und gesteuert werden müssen. Die Herausforderung für Verlage besteht darin, KI als Chance zu begreifen und Strukturen und Prozesse schrittweise zu digitalisieren. Dazu gehört der Mut, Publishing neu zu denken und sich neuen Technologien gezielt zu öffnen.

Auch wir bei Contiago arbeiten intensiv daran, Inhalte für die Content Syndication mithilfe von KI automatisiert zu verschlagworten, zu analysieren und zu indexieren. Wir werden demnächst von unseren vielversprechenden Pilotprojekten berichten.

Neue Erlösmodelle für Verlage: In welchen Modellen liegt die Zukunft?

Contiago Blog: Neue Erlösmodelle für Verlage: In welchen Modellen liegt die Zukunft? Bildquelle: areebarbar/shutterstock.com

Auf der Suche nach neuen Erlösmodellen wagen sich Medienhäuser nun auch in Bereiche außerhalb des regulären Publishings vor. So haben Gruner + Jahr ebenso wie die Handelsblatt Mediengruppe und Burda in diesem Jahr neue Modelle ins Leben gerufen, die Ihnen eine Mehrfachnutzung der vorhandenen Ressourcen und Inhalte ermöglichen. Anhand dieser Beispiele beleuchten wir einige der neuen Konzepte.

Die Medienbranche steht unter einem enormen Anpassungsdruck. Denn die Digitalisierung revolutioniert die Art und Weise, wie Inhalte produziert, verbreitet und konsumiert werden. Das hat große Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der Verlage. Die Einnahmen aus Vertrieb und Anzeigen im Printbereich bröckeln weg und neue, lukrative Erlösquellen sind scheinbar nicht in Sicht. Anfangs setzten die Verlage ihre Hoffnung auf digitale Ableger der Printtitel. Doch die Werbeeinnahmen blieben aus – nicht zuletzt aufgrund der Verbreitung von Adblockern und der Marktmacht von Facebook & Co. Nun versuchen es die Medienhäuser zunehmend mit Paid-Content. Doch die Bereitschaft der Endkunden, für digitalen Content zu zahlen, steigt nur langsam. Wenn plötzlich für etwas Geld verlangt wird, was lange Zeit kostenlos war, ist das für das Publikum schwer zu akzeptieren. So reichen auch diese Einnahmen noch nicht aus, um die Verluste aus dem Printbereich auszugleichen und die Frage bleibt: Wie werden Medienhäuser im digitalen Zeitalter ihr Geld verdienen?

Von Agenturdienstleistungen bis zum Möbel-Shop

Auf der Suche nach neuen Erlösmodellen wagen sich Medienhäuser mittlerweile in Bereiche vor, die mit dem ursprünglichen Publishing-Geschäft nur noch wenig zu tun haben. Die Bauer Media Group beispielsweise betreibt mehrere Online-Vergleichsplattformen und bietet Vertriebsdienstleistungen für mittlere und kleinere Verlage an (Interview in turi2). Die Mediengruppe Thüringen, ein Teil der Funke Mediengruppe, setzt unter anderem auf die Organisation von Messen und die Vermarktung von Außenwerbung. Burda will mit der hauseigenen Agentur, die sich bisher um Markenkooperationen für die eigenen Zeitschriften gekümmert hat, ins Influencer-Marketing einsteigen und Promis an Unternehmen vermitteln.

Meist bauen diese zusätzlichen Standbeine auf Kompetenzen auf, die ohnehin in den Medienhäusern vorhanden sind. So bieten viele Verlage auch Content-Dienstleistungen an, wie beispielsweise Gruner + Jahr, die mit der Agentur Territory sogar Marktführer im Bereich Content-Marketing sind. Doch das Hamburger Medienhaus geht mit anderen Geschäftsfeldern auch weit über das Publishing hinaus: Das Magazin „Schöner Wohnen“ verkauft Möbel, neben der Community Chefkoch.de wurde ein Online-Shop für Küchenzubehör eröffnet, und zum Magazin Beef gibt es ein gleichnamiges Restaurant. Seit 2018 ist Gruner + Jahr auch im Bereich der Weiterbildung aktiv: Mit der Brigitte-Academy wurde eine Plattform für persönliche Weiterentwicklung im Beruf und im Privatleben geschaffen. Zum Angebot gehören Symposien, Meetups und ein E-Learning-Programm; die Themen reichen von Bewerbungs- bis zu Styling-Tipps. G+J sieht die neue Academy als einen wichtigen Umsatzbringer, der auch im Brigitte-Magazin ein festes Ressort bekommen soll.

G+J und Handelsblatt legen den Fokus aufs Weiterbildungsgeschäft

Einen ähnlichen Ansatz wie G+J verfolgt auch die Handelsblatt Media Group. Auch sie will Weiterbildung als Standbein der Mediengruppe etablieren und hat kürzlich „Ada“ gestartet. Dabei handelt es sich um ein aufwendiges Schulungsprogramm, das sich an Unternehmen richtet, die ihre Mitarbeiter zu digitalen Themen und Technologien fortbilden möchten. In einem Interview von turi2.tv hat Frank Dopheide, der neue Geschäftsführer der Gruppe, die Hintergründe erklärt. Seiner Ansicht nach würden Lernmethoden aus dem letzten Jahrhundert den heutigen Herausforderungen nicht mehr gerecht, weshalb Ada neue Ansätze verfolgt, die nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern die Teilnehmer auch zum Handeln bringen. Schließlich bringe erst das den entscheidenden Mehrwert, um Inhalte wirklich zu verinnerlichen.

Aktualität und journalistische Kompetenzen als USP

Für Dopheide liegt das Geschäftsmodell „Weiterbildung“ gar nicht so weit weg von der bisherigen Arbeit der Handelsblatt-Journalisten. Deren Aufgabe sei es schließlich schon immer gewesen, zu informieren, Wissen zu vermitteln und über das Verstehen die Menschen schließlich zum Handeln zu bringen. Sie sind Spezialisten dafür, aktuelle Themen einzusortieren und verständlich aufzubereiten. Ob Journalismus oder Weiterbildung: Die grundsätzlichen Arbeitsweisen bleiben dieselben, nur dass es nicht mehr um die Einordnung des Tagesgeschehens geht, sondern um die Qualifikation von Menschen. Dopheide sieht daher in der Weiterbildung durchaus ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell für Verlage: „Zur Information muss die Qualifikation kommen, weil Journalisten mit ihrer Fähigkeit, Inhalte aufzubereiten, und dem aktuellen Bezug vielen anderen überlegen sind.“

Um dorthin zu gelangen, brauche es allerdings ein neues Selbstverständnis in den Medienhäusern. So ist auch im Programm Ada das zugehörige Printmagazin nur ein Instrument, um das Bildungsgeschäft voranzutreiben. „Wir wollen Weiterbildung mit allen Sinnen machen. Ada findet daher im gesamten Leben statt, nicht nur am Kiosk,“ so Dopheide.

Verlage brauchen ein neues Content-Verständnis

Wer als Verlag im digitalen Zeitalter erfolgreich sein will, muss sich somit von alten Denk- und Arbeitsweisen lösen. Es braucht ein neues Content-Verständnis – wofür auch Jörn Fahsel, Herausgeber der Studie „Publishing 4.0 – Chancen, Anforderungen, Konzepte“ in einem Interview mit Contiago plädierte. Er vergleicht die Situation mit der Erfindung des Automobils: Henry Ford baute nicht einfach schnellere Pferdekutschen, er schuf mit dem Auto eine völlig neue Form der Fortbewegung. „Ähnlich sind wir im Publishing an einem Punkt, wo Verlage den Übergang vom klassischen Printprodukt hin zu einer neuen Form von digitalem Content im Sinne einer Content-Dienstleistung bewältigen müssen,“ so Fahsel.

Die Handelsblatt Gruppe ist hierfür ein gutes Beispiel: Im Fokus steht nicht mehr die Erstellung einer gedruckten Zeitung, sondern das Ziel, zur „Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstands“ beizutragen. Und das geht eben nicht nur über Printmedien.
Die effiziente Nutzung von bereits vorhandenen Inhalten und Kompetenzen durch vielfältige Kanäle ist unerlässlich, um sich im digitalen Zeitalter behaupten zu können. Verlage sind gut beraten, nicht alles auf eine Karte zu setzen und den lukrativen Markt der Unternehmenskunden nicht zu vernachlässigen.

Mehr zum Thema Content Licensing:

Geschäftsmodelle für regionale Tageszeitungen: Fragen und Antworten zum „Regio-Hub“

Geschäftsmodelle für regionale Tageszeitungen: Fragen und Antworten zum „Regio-Hub“

Auf der Suche nach neuen Erlösquellen besinnen sich Lokalzeitungen zunehmend auf ihre Stärken: Sie nutzen ihre hohe Bekanntheit und Reichweite in der Region, um sich als Vermittler zwischen Unternehmen, Vereinen, Organisationen und deren Zielpublikum zu positionieren. Auf einer digitalen Plattform, dem „Regio-Hub“, bringen sie Angebot und Nachfrage zusammen. Was sie selbst davon haben und wie das Modell genau funktioniert beantworten wir hier.

Was versteht man unter einem „Regio-Hub“?

Ein Regio-Hub ist eine digitale Plattform, die lokale Händler, Betriebe, Vereine und Organisationen mit potenziellen Kunden zusammenbringt. Unternehmen aus der Region können sich und Ihre Leistungen präsentieren. Gleichzeitig bietet die Plattform aktuelle Nachrichten aus der Region. Diese setzen sich zusammen aus den redaktionellen Inhalten, die der Verlag beisteuert, sowie den News von Betrieben, die die Internetplattform als Presseportal nutzen können. Der Regio-Hub ist somit digitales Branchenbuch, Business-Netzwerk und News-Portal in einem – mit einem klaren Fokus auf der Region.

Warum ist die Lokalzeitung der ideale Plattform-Betreiber?

Lokalzeitungen sind regional stark verwurzelt. Sie genießen das Vertrauen der lokalen Bevölkerung, werden als seriöser Berichterstatter wahrgenommen und haben beste Verbindungen zu Betrieben, Vereinen und Organisationen, die in ihren Publikationen Werbung schalten. Eine ideale Grundlage, um sich hier als Partner und Vermittler zu positionieren. Im Idealfall wird er zum Motor für die lokale Konjunktur.

Was bringt der Regio Hub den Beteiligten?

Für Konsumenten ist das Portal eine zentrale Anlaufstelle, um sich über Nachrichten und Anbieter aus der Region zu informieren. Die lokalen Anbieter – also Unternehmen, Vereine, Organisationen – profitieren von der Reichweite der Tageszeitung und können potenzielle Kunden auf sich aufmerksam machen. Der Verlag schließlich stärkt über das Portal seine Beziehung zu Lesern und Werbekunden. Zudem kann er ein größeres Publikum erreichen, um sein Angebot zu vermarkten, z.B. regionale Veranstaltungen, Weiterbildungen, neue Verlagsprodukte.

Wie kann der Verlag lokale Unternehmen und Organisationen als Partner für die Plattform gewinnen?

Für lokale Unternehmen ist es heute unverzichtbar, im Internet auffindbar zu sein. Denn ihre potenziellen Kunden suchen online nach Produkten oder Dienstleistungen in der Nähe, wie eine Google-Studie zeigt. Mit der Teilnahme an einem solchen Netzwerk erhöhen sie ihre Sichtbarkeit wesentlich. Und dabei entstehen ihnen nicht einmal Kosten. Nur wenn sie Inhalte des Verlags für ihre eigene Website nutzen wollen, fallen Gebühren an. Grundsätzlich empfiehlt es sich, bei der Gewinnung von Partnern auch die Gemeindeverwaltung mit einzubeziehen, da die Förderung lokaler Unternehmen und die Stärkung des Standorts auch in ihrem Interesse ist.

Wie funktioniert die Technik? Welcher Aufwand ist damit verbunden?

Die Hub-Technologie von Contiago ermöglicht es, redaktionelle Inhalte im XML-Format komplett automatisiert zu übernehmen. Das heißt, für die Redaktion entsteht hier kein zusätzlicher Aufwand. Sie kann jedoch bei Bedarf Inhalte auch manuell ins System einspielen. Auch für den Content-Abnehmer, zum Beispiel ein Sportverein, ist der Aufwand minimal. Er bekommt die von ihm abonnierten Feeds (z.B. lokale Sportnachrichten) direkt in sein Content-Management-System geliefert und braucht nur noch mit einem Klick auswählen, welche Inhalte er auf seine Website übernehmen will.

Was ist die rechtliche Situation, wenn Unternehmen Verlagsinhalte übernehmen?

Der Content-Käufer erwirbt das Nutzungsrecht, den lizensierten Content in den vereinbarten Medien (z.B. der Unternehmenswebsite oder dem Intranet) zu veröffentlichen. Die Urheberrechte sind davon unberührt, sie verbleiben beim Verlag. In einem Lizenzvertrag werden Rechte und Pflichten der Vertragspartner genau festgehalten, die Bedingungen bestimmen die Verlage selbst.

Kann ich kontrollieren, wo meine Inhalte veröffentlicht werden?

Verlage befürchten häufig, sie würden die Kontrolle über ihre Inhalte verlieren, wenn diese auf anderen Webseiten veröffentlich werden. Das ist jedoch nicht der Fall: Verlage können jederzeit selbst entscheiden, welche Inhalte sie zu welchen Konditionen lizensieren möchten. Auch Bedingungen zur Ausgabe auf den Webseiten der Abnehmer können sie im Vertrag festlegen.

Welche Kosten entstehen dem Verlag? Und den Partnern?

Der Verlag zahlt an Contiago eine einmalige Einrichtungsgebühr für die Entwicklung eines maßgeschneiderten Regio-Hubs und danach einen minimalen monatlichen Servicebetrag pro angeschlossenen Partner. Diese Kosten amortisieren sich in kürzester Zeit über die Einnahmen, die mit dem Portal erzielt werden: Der Verlag gewinnt zusätzliche Kunden für seine Verlagsangebote. Zudem erhält er Lizenzgebühren von den lokalen Partnern, wenn diese Inhalte in ihre Webseiten übernehmen möchten. Denn die Unternehmen und Organisationen können so genannte „News-Kanäle“ abonnieren: Das sind Nachrichtenpakete zu einem bestimmten Thema, beispielsweise Lokalsport, die aus den Verlagsinhalten zusammengestellt werden. Dabei sind verschiedene Abo-Modelle möglich. Für den Einstieg bieten sich kostenlose Pakete an, bei denen zum Beispiel ein Sportverein nur die Überschriften und Teaser der Sport-News übernimmt. So kann er das Modell ohne Risiko testen. Erst bei kompletter Übernahme des Artikels fällt eine Gebühr an. Grundsätzlich richtet sich der Preis nach der Anzahl der pro Monat abonnierten Nachrichten.

Weitere Fragen?

Wir hoffen, dass wir auch Ihre Fragen zum Geschäftsmodell „Regio Hub“ beantworten konnten. Sollten noch Fragen offen geblieben sein, rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns eine Mail. Gerne helfen wir Ihnen, das für Ihre Situation passende und finanziell tragfähige Geschäftsmodelle im Digitalen zu finden.

Lesen Sie auch unsere Infobroschüre für Lokalzeitungen:
„B2B Content Licensing als Erfolgsrezept“ (PDF)

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Verlage profitieren von Kooperationen mit Startups – Interview mit Prof. Dr. Katja Nettesheim

Die deutsche Wirtschaft verschenkt durch fehlende oder ineffiziente Kooperation mit Startups bis 2020 allein in Deutschland ein Wachstumspotenzial in Höhe von 99 Milliarden Euro, so eine Studie von Accenture. „Davon sind auch Fachverlage betroffen“, sagt die Unternehmensberaterin Katja Nettesheim. Im Interview mit Contiago erläutert sie, wie Fachverlage von Startups profitieren können und gibt Tipps für die Zusammenarbeit.

Contiago: Wo stehen Fachverlage heute, wenn es darum geht, gemeinsam mit Startups an neuen Geschäftsmodellen oder technologischen Innovationen zu arbeiten?

 
Katja Nettesheim: Im Vergleich zu anderen Mediengattungen zeigen Fachverlage eine große Neugier und Offenheit gegenüber neuen Impulsen von außen. Das ist zunächst einmal positiv. Allerdings tun sich Fachverlage oft schwer damit, Anknüpfungspunkte mit Startups zu finden. Das liegt zum einen daran, dass es weniger Startups im B2B-Bereich gibt. Die meisten Medien-Startups, die bekannt werden, kommen aus dem B2C-Umfeld, mit einigen wenigen Ausnahmen. Zudem sind die Aufgabenstellungen bei Fachverlagen oft sehr spezifisch, was das Matching zusätzlich erschwert.

In welchen Bereichen haben Fachverlage bereits von Medien-Startups profitiert?

Ganz generell profitieren Fachverlage von Medien-Startups, wenn es darum geht, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Beispielsweise: Wie kann ein Fachverlag den Wandel des Nutzerverhaltens mitgehen und damit auch Geld verdienen? Eine Möglichkeit, sich fit für solche Entwicklungen zu machen, besteht für Fachverlage darin, sich mit Startups zusammen zu tun. Entweder durch eine Kooperation oder indem sie in Startups investieren. Welche Variante man wählt, hängt ganz von der strategischen Zielsetzung des Verlages ab. Allgemein sollte die aber realistisch sein: Ein Startup kann digitales Know-How und ggf. Infrastruktur oder ein gemeinsames neues Geschäftsmodell liefern. Mit der digitalen Transformation eines Fachverlages wäre es jedoch schlicht und ergreifend überfordert. Die eigene Kultur und Strukturen zu verändern, ist Sache des Verlages.

Können Sie hierfür Beispiele nennen?

Ein Beispiel für die gelungene Symbiose von Fachverlag und digitalen Unternehmen ist der Haufe Verlag. Früher mit Schwerpunkt im Loseblatt-Geschäft macht der Verlag heute nur noch 3 Prozent seines Umsatzes mit Print. Das ist vor allem auf die Übernahme verschiedener Softwareunternehmen zurückzuführen. Entscheidend war dabei, die Veränderung weg vom Printverlag hin zu einem modernen Medienhaus auch auf Ebene der Unternehmenskultur hinzubekommen.

Ein weiteres Beispiel ist das Medienhaus Vogel Business Media, das sich über Vogel Ventures an zehn Unternehmen beteiligt hat. Darunter sind auch Content-Startups und solche, die sich mit Wissensvermittlung beschäftigen. Die Zusammenarbeit mit Startups hat auch schrittweise zu einer Veränderung des Denkens und Handels im Verlag selbst geführt. Die Zusammenarbeit mit Startups, auf welcher Ebene auch immer, regt also durchaus Veränderungen im Verlag an.

Wo geht die Reise für Fachverlage in Sachen Paid Content hin?

Bezahlte Inhalte sind seit jeher das Kerngeschäft der Fachverlage. Bei den digitalen Inhalten haben Fachverlage eine bessere Position als Publikumsverlage. Denn sie verfügen über mehr proprietären Content und sie haben weniger kostenlose Inhalte ins Netz gestellt. Insofern ist die Ausgangssituation gut. Doch häufig nutzen Verlage sie nicht so, wie sie könnten. Und zwar aus individuell unterschiedlichen Gründen: Etwa weil sie mit ersten halbherzigen Versuchen, digitalen Content zu monetarisieren, gescheitert sind und das Thema danach auf Eis gelegt haben. Oder, und das ist gar nicht selten, weil ihre Leser noch sehr auf Print eingestellt sind und den Wechsel zu digitalen Inhalten nicht mitgehen. Hier ist noch viel Luft nach oben.

Welche 5 Tipps geben Sie Verlagen, die neue Geschäfts- oder Erlösmodelle suchen und einführen wollen? 

Digitale Transformation ist eine Politik der tausend Nadelstiche. Denn dabei geht es darum, Kernbereiche eines Fachverlages zu verändern – angefangen bei einem grundlegenden Perspektivenwechsel von der Innensicht des Fachverlages hin zur Sicht des Lesers. Damit ändert sich auch die Art und Weise, wie Content gedacht und entwickelt wird.

  1. Fokus auf den Leser: Fachverlage sollten ihr gewohntes Verhalten und Denken hinterfragen, indem sie sich klarmachen, was der Leser erwartet. Das führt zu einem neuen Verständnis der Rolle des Lesers  – und in Folge auch der eigenen Rolle.
  2. Bestmögliche Lösung finden: Digitale Leser sind anspruchsvoll und nicht bereit, sich an das Angebot eines Verlages anzupassen. Vielmehr muss der Verlag sich an den Problemen seiner Leser orientieren und hierfür bestmögliche Lösungen entwickeln.
  3. Aus Kundenfeedback lernen: Nicht die Strategie, Kompetenzen oder Meinungen des Verlags dürfen darüber entscheiden, wie ein Produkt aussieht, sondern allein der Leser. Fachverlage sind gut beraten, das Feedback ihrer Leser systematisch in die Konzeption ihrer Inhalte einzubeziehen.
  4. Externe Kompetenzen nutzen: Fachverlage sollten sich die Frage „Make or Buy“ selbstkritisch stellen: Können wir digitale Kompetenzen wirklich aus eigener Kraft aufbauen oder ist es aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoller, auf Kompetenzen von Startups zurückzugreifen?
  5. Schnell starten und durchziehen! Viele Vorhaben scheitern am Zögern vor dem Start oder an Bedenken, die im Verlaufe eines Projektes aufkommen. Digitale Veränderung braucht Willen und Durchhaltevermögen – und notfalls auch die Möglichkeit zum Scheitern.

Prof. Dr. Katja Nettesheim ist Gründerin und Geschäftsführerin von _MEDIATE und unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle.

Prof. Dr. Katja Nettesheim, Gründerin und Geschäftsführerin von _MEDIATE

Prof. Dr. Katja Nettesheim

 

Facebook Instant Articles, Google AMP und Blendle: Was ist vom Hype geblieben?

Contiago Blog: Facebook Instant Articles, Google AMP und Blendle: Was ist vom Hype geblieben? Bildinfo: Pressmaster/shutterstock.com

In letzter Zeit ist es ruhig geworden um den Online-Kiosk Blendle. Und auch von Facebook Instant Articles hört man nicht mehr viel. Wie steht es um die Plattformen, in die Verlage noch vor zwei Jahren so viel Hoffnung setzten? Sind sie wirklich die Reichweiten- und Erlösbringer, die die geplagte Verlagswelt so dringend benötigt? Wir haben uns die aktuellen Entwicklungen rund um „Distributed Content“ angesehen.

In den letzten Jahren wurde in der Verlagsbranche viel experimentiert mit Paywalls, News-Apps und den Angeboten der sozialen Netzwerke. Doch ein tragfähiges Geschäftsmodell, um im digitalen Zeitalter mit Content Geld zu verdienen, ist noch immer nicht in Sicht. Dabei wird die Luft allmählich dünn, denn Auflagen und Umsätze der Zeitungsverlage schwinden weiter dramatisch(1).

Die große Facebook-Ernüchterung

Vor zwei Jahren startete Facebooks Instant Articles mit dem Ziel, Usern an nur einem Ort genau den Content zu bieten, der ihren Interessen entspricht – mit kurzen Ladezeiten und ohne dass sie dafür in den Browser wechseln oder gar unterschiedliche Apps aufrufen müssen. Verlage, die ihre Inhalte über dieses Feature publizieren, sollten so Zugang zu neuen Nutzergruppen erhalten und zusätzliche Umsätze generieren. Das klang verlockend und die Medienbranche setzte große Hoffnungen in das Prinzip „Distributed Content“. Es war ein regelrechter Hype, der um Facebook Instant Articles entbrannte. Große Player wie die New York Times und der National Geographic waren Vorreiter und veröffentlichten erste Stories für die superschnellen Seiten. Die User Experience wurde hoch gelobt und viele deutsche Medien sprangen auf den Zug auf. Doch mittlerweile hat Ernüchterung eingesetzt. Die New York Times hat sich längst wieder von Instant Articles verabschiedet, ebenso der Guardian und die WeltN24-Gruppe. Mehrere Gründe nennen die Medienhäuser für den Ausstieg:

  • Die Möglichkeiten, darüber Geld zu verdienen, sind gering (mehr zur Monetarisierung von Distributed Content).
  • Der Content-Anbieter wird nicht mehr als eigenständige Marke wahrgenommen.
  • Die Verlage verlieren den direkten Zugang zum Publikum sowie die Kontrolle über Content-Darstellung und Preisgestaltung.

Mehr über die Vor- und Nachteile von Distributed Content:

Chancen und Risiken von Distributed Content
Distributed Content: Was bringen Facebook Instant Articles & Co. wirklich?

Facebook bessert nach

Das Unternehmen Facebook nahm die Bedenken ernst und versuchte gegenzusteuern. So wurde 2017 eine Abo-Funktion integriert(2), die es Medienhäusern ermöglicht, ihre Paywalls auch in Instant Articles umzusetzen. Stößt man als Nutzer auf eine solche Paywall, hat aber kein Abo, kann man dieses direkt abschließen – und zwar auf der Webseite des Anbieters. So behält der Verlag die Kontrolle über die Preisgestaltung und auch der komplette Umsatz bleibt bei ihm.

Facebook kündigte weitere Maßnahmen an(2), um das Abo-Geschäft für Medienhäuser voranzutreiben. Doch trotz aller Bemühungen ist die Begeisterung vieler Medien in Bezug auf Facebook deutlich abgekühlt. Die Erkenntnis setzt sich durch, dass Kooperationen mit Facebook am Ende meist nur einem nutzen: Facebook selbst.

Google AMP entwickelt sich zum Muss für Publisher

Instant Articles ist für viele Verlage mittlerweile Geschichte. Stattdessen findet das offenere AMP immer mehr Anhänger. AMP steht für Accelerated Mobile Pages und ist Googles Pendant zu Instant Articles. Es unterscheidet sich von der Konkurrenz dadurch, dass die teilnehmenden Verlage im Besitz der Inhalte bleiben: Google speichert lediglich eine Cache-Datei des Artikels. Ein wesentlicher Vorteil von AMP: Seiten, die Googles AMP-Test bestehen, bekommen eine bessere Position in den Suchergebnissen. Und auf zusätzliche Reichweite will und kann heute schließlich kein Verlag verzichten. Da nimmt man auch in Kauf, dass die Möglichkeiten der Monetarisierung nicht besser sind als bei Facebook und die Erstellung der AMP-Versionen zusätzliche Ressourcen bindet(3).

Kritiker bemängeln vor allem die steigende Google-Dominanz: Google könne dank AMP noch besser sehen, wer sich wie im Netz bewegt, sich wie lange auf welchen Seiten aufhält und welchen Links er folgt. Außerdem würde der Konzern seine Marktmacht missbrauchen, um die Technik in den Markt zu drücken, indem AMP-Seiten in den Suchergebnissen bevorzugt werden. Negativ für Publisher ist, dass die User nicht auf ihre Webseiten, sondern auf die bei Google gespiegelte Version geleitet werden, wodurch ihnen Traffic verloren geht. Doch trotz aller Kritik läuft das Projekt äußerst erfolgreich: 5,7 Milliarden Websites auf 31 Millionen verschiedenen Domains nutzen bereits die Technik – und jede Woche kommen 55 Millionen neue Websites dazu, wie Brand Eins berichtet(4).

Und Google feuert diese Entwicklung mit Innovationen wie dem AMP-Stories-Format(5) weiter an: Die trendigen Stories, die aus Snapchat und Instagram bekannt sind, können mit diesem Format schnell ausgeliefert und erstmals plattformübergreifend zugänglich gemacht werden. Die Washington Post, CNN und andere US-Medienhäuser testen das Angebot bereits und sehen großes Potenzial in den Stories, um bildreiche Reportagen umzusetzen.

Blendle macht dem eigenen Bezahlangebot Konkurrenz

Anders als bei Facebook und Google werden journalistische Inhalte bei Blendle nicht kostenlos, sondern artikelweise oder im Rahmen einer Flatrate zum Kauf angeboten. Doch auch dieses Modell scheint aus Verlagssicht nicht zu funktionieren. Denn statt neue Nutzer auf sich aufmerksam zu machen, riskieren die Verlage hier, ihre bereits zahlenden Kunden zu verlieren. Eine Studie der Universitäten Hamburg und Groningen(6) belegt den Kannibalisierungseffekt.

In einem Interview mit MEEDIA hatte der Digitalexperte Richard Gutjahr(7) 2017 noch für ein solches „Netflix für Journalismus“ plädiert: ein verlagsübergreifendes Abo für mehrere Titel. Das Problem ist nur: Es mag zwar aus User-Sicht praktisch sein, doch den Verlagen beschert es weder nennenswerte Erlöse noch neue Kunden. Es verwässert vielmehr die eigene Marke. Und die wird zunehmend zum Erfolgsfaktor.

Fazit: Marke statt Netflixierung

Facebook, Google, Blendle – egal welches Modell man betrachtet, die Erkenntnis ist dieselbe: Distributed Content birgt mehr Risiken als Chancen. Medienhäuser sind deshalb gut beraten, sich in Sachen Content-Vermarktung wieder mehr auf sich selbst zu besinnen – und auf die Kraft ihrer Marken. Wie das aussehen könnte, zeigen starke Medienmarken wie Bild und Süddeutsche(8), die mit ihren Paid-Content-Angeboten recht erfolgreich unterwegs sind. Auch die Verlagsgruppe Handelsblatt hat mit dem Digitalpass ein modernes Angebot im Programm und die ZEIT tastet sich über eine Leser-Registrierung ebenfalls an Paid Content heran.

Verlagsmanager sollten sich diese Ansätze genau ansehen und auch offen sein für andere Optionen: So könnten Fachverlage zum Beispiel Archivinhalte an Unternehmen lizensieren und auf diesem Weg neue, lukrative Kundengruppen erschließen. Wichtig ist in jedem Fall, sich nicht länger durchzuwursteln, sondern eine stringente Digitalstrategie zu entwickeln, die die eigenen Kanäle nicht vernachlässigt. Dazu gehört auch ein eigener Content-Shop, über den sich alle Inhalte –ob Print-Abos, E-Paper, Artikel-Downloads oder Content-Feeds für Unternehmenskunden – vermarkten lassen.

Quellen:

  1. Meedia.de: Die große Auflagen-Bilanz der größten 82 Regionalzeitungen 
  2. Allfacebook.de: Instant Article Paywall
  3. Alternativlos.de: World Wide Web oder bald Google Wide Web?
  4. Brand Eins: Ladezeiten – Mach hinne!
  5. heise.de: Google startet „Stories“ für AMP-Webseiten
  6. meedia.de: Uni-Studie stellt Zukunftsmodell in Frage: „Digitalkioske kannibalisieren Verlagsangebote“ 
  7. meedia.de: „Wir brauchen ein Netflix für Journalismus“: Digitalexperte Gutjahr fordert Medien-Allianz für Paid Content
  8. wuv.de: Bei SZ.de funktioniert Paid Content

Paid Content 4.0 –
BDZV-Studie: Zeitungsverlage entwickeln Content-Vermarktung weiter

Contiago Blog: Paid Content4.0 BDZV-Studie: Zeitungsverlage entwickeln Content-Vermarktung weiter. Bildinfo: Rawpixel.com/shutterstock.com

Zeitungsverlage bauen ihre Paid-Content-Angebote aus, die Vermarktungskonzepte bleiben jedoch dieselben. Wir werfen einen Blick auf die Ergebnisse der Trendstudie von BDZV und Schickler und wagen einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.

Erst kürzlich hat das EU-Parlament mit der Einführung des Leistungsschutzrechts die Position der Verlage gegenüber Mediengiganten wie Google und Facebook gestärkt. Damit ist die Grundlage gelegt, dass Verlage für journalistische Inhalte auch in der digitalen Welt einen fairen Ausgleich erzielen können. Doch damit das funktioniert, ist ein Umdenken erforderlich. Die Konzepte des klassischen Publishings funktionieren im digitalen Umfeld nur bedingt. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und die Unternehmensberatung Schickler haben für ihre Studie “Trends der Zeitungsbranche 2018” Entscheider aus deutschen Zeitungsverlagen befragt, wie sie die Herausforderungen meistern wollen.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

  1. Die Verlage verändern ihre Strukturen und bauen die „Organisation der Zukunft“ mit klar ausgerichteten Organisationsparadigmen.
  2. Die Verlage glauben an Paid Content. Jetzt folgt die zweite Phase der Optimierung der Angebote, u.a. durch strengere Regeln und Preisdifferenzierung.
  3. Die Verlage haben ein Universum an B2B-Kommunikationsangeboten aufgebaut und entwickeln sich zum 360-Grad-Dienstleister für ihre B2B-Zielgruppe.

Paid Content in Bewegung

Fast 80 Prozent der Verlage sehen laut BDZV-Studie eine hohe bis existenzielle Relevanz im Aufbau neuer Paid-Content-Angebote. Viele Medienhäuser haben bereits in den letzten Jahren Bezahlangebote im Netz eingeführt. Die Mehrheit setzt beim Bezahlmodell auf “Freemium” (68 Prozent), gefolgt vom “Metered”-Modell (22 Prozent) und der harten Bezahlschranke (9 Prozent). Optimierungspotenziale sehen Verlage vor allem in strengeren Regeln für ihr Bezahlmodell, einer stärkeren Preisdifferenzierung nach Zielgruppen und im Aufbau weiterer Produkte für Paid Content.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich in Sachen Paid Content in Verlagen etwas bewegt, allerdings beschränkt sich die Studie auf die Untersuchung klassischer Bezahlmodelle. Neuere Vermarktungsansätze wie etwa “Distributed Content”, also die Verbreitung von Inhalten über die Newsstreams von Facebook oder Google, werden nicht explizit abgefragt. Vielleicht weil dieses Modell für Verlage bisher nicht die erhofften Erfolge brachte. Über die Plattformen der Mediengiganten ließen sich zwar schnell Reichweitengewinne erzielen, diese mussten viele Verlage aber teuer bezahlen: Denn die Werbeeinnahmen auf ihren eigenen Portalen gingen stark zurück. Und spätestens als Facebook begann, die Sichtbarkeit von Verlagsinhalten in den Feeds seiner Nutzer systematisch einzuschränken, dürften viele Verlage erkannt haben, dass es sicherer ist, auf eigenen Füßen zu stehen.

Mehr zum Thema Distributed Content finden Sie hier im Blog:
Facebook für Publisher: Verlage auf dem Holzweg

Vermarktungskonzepte jenseits des Mainstreams

Verlage bewegen sich also gedanklich und operativ wieder stärker in Richtung Paid Content. Galt der Verkauf im Netz lange Zeit als unrentabel, stellen Verlage heute fest, dass Leser sehr wohl bereit sind, für Inhalte zu bezahlen. Vorausgesetzt, sie erhalten dafür einen spürbaren Mehrwert: erstklassig recherchierte Artikel, die auf das individuelle Interesse zugeschnitten sind, statt billig produzierte Massenware. Viele Verlage verfügen bereits über solchen hochwertigen Content, schöpfen jedoch das Potenzial nicht voll aus. Denn die klassischen Bezahlmodelle – Freemium, Metered und harte Bezahlschranke – sind nur die Spitze des Eisbergs, wenn es um optimale Wertschöpfung von Content geht.

Die Verlage haben erkannt, dass sie ihre Paid-Content-Strategie laufend optimieren und weiterentwickeln müssen. Das beinhaltet einerseits, vorhandene Bezahlmodelle zu verfeinern, zum Beispiel durch Preisdifferenzierungen für verschiedene Zielgruppen. Andererseits sollten Verlage über den Tellerrand ihrer eigenen Portale hinausschauen und neue Vertriebskanäle für ihren Content oder gar neue Geschäftsmodelle für ihre Kernkompetenzen entwickeln.

Das B2B-Geschäft ist für viele Verlage nicht neu, lässt sich aber mit neuen Angeboten weiter ausbauen. Über die Content-Syndication-Plattform von Contiago lassen sich beispielsweise Inhalte an B2B-Kunden lizensieren, die selbst Content-Angebote im Netz aufbauen wollen. Kleine und mittlere Unternehmen, die ihre Homepage attraktiv gestalten wollen, sind oft nicht in der Lage, selbst Content zu produzieren. Auch Verbände, die Themenportale für ihre Branche betreiben wollen, benötigen hierfür regelmäßig redaktionelle Inhalte, um nur zwei Beispiele für das Lizensieren von Content im B2B zu nennen.

Mehr zum Thema Content Licensing finden Sie hier im Blog: 
Warum Verlage jetzt auf Content Licensing setzen sollten

Fazit: Viel Luft nach oben

Im Ringen um Erlöse aus digitalen Inhalten ist in den Verlagen ein Umdenken gefragt. Klassische Paid-Content-Modelle sollten nicht nur laufend optimiert, sondern sinnvoll um weitere Instrumente der Content-Vermarktung ergänzt werden. Das B2B-Geschäft bietet hier neue Impulse, denn zahllose Unternehmen suchen händeringend nach hochwertigem Content, um sich im Netz mit einem interessanten Angebot zu positionieren. Fachverlage, aber auch Zeitungsverlage können hier mit ihrem Content und Know-how neue Absatzmärkte erschließen.

Digitalisierung @dpa: Lessons Learned für Verlage

Die Publishing-Branche ist im Umbruch, die Zeichen der Zeit stehen auf Digitalisierung. Das betrifft nicht nur Verlage, sondern auch Content-Produzenten wie die dpa. Klaus-Peter Frahm, Leiter Innovationsmanagement, erklärt im Gespräch mit Contiago, warum die Nachrichtenagentur konsequent auf Wertschöpfung von Content setzt und welche Rolle Technologien dabei spielen.

Wo geht die Reise im Publishing hin? Was bedeutet Digitalisierung für die dpa und Verlage?

Digitalisierung geschieht, wenn unsere Produkte und Inhalte der digitalen Realität gerecht werden. Klingt einfach, ist es aber natürlich nicht. Denn dafür müssen wir unsere Strukturen und Prozesse entlang der Produktentwicklung formen. Das verlangt Veränderung – auch “digitale Transformation” genannt – behutsam und in kleinen Schritten. Ich nenne das “Change by Product”, ein Prozess, dem auch die dpa sich verschrieben hat. In der Mitte steht das Produkt, gemanagt von Produktmanagern, die wir systematisch ausbilden. Insofern ist die dpa auf dem besten Wege, eine echte Produktorganisation zu werden. Das befähigt uns, Digitalisierung selbst zu gestalten., anstatt uns von ihr gestalten oder entstellen zu lassen.

Wie reagiert die dpa auf das veränderte Nutzungsverhalten der Leser? Darauf, dass Content zunehmend über digitale Medien konsumiert wird?

Neben der Frage, wie wir ein nachgefragtes Produkt entwickeln, liegt unser Fokus darauf, die Wertschöpfung von Content zu steigern und dabei noch effizienter zu werden. Technologien auf Basis künstlicher Intelligenz können dabei eine große Hilfe sein. Sie unterstützen nicht nur bei der Planung und Produktion, sondern auch bei der Nutzung und Verwertung von Content. Einfachstes Beispiel ist die automatisierte Klassifizierung von Texten für Verschlagwortungen zur besseren Auffindbarkeit von relevanten Inhalten, und für die sinnvolle Verteilung von Inhalten auf die so unterschiedlichen Zielgruppen. Außerdem bereiten wir uns darauf vor, unser Content-Angebot um maschinell erzeugte Texte erweitern zu können, z.B. in den Ressorts Sport oder Finanzen. Wir sehen hier große Potenziale für die Wertschöpfung und auch die Qualität unserer Produkte.

Welche Erfahrungen hat die dpa mit der Digitalisierung gemacht? Welche Tipps würden Sie Verlagen geben?

Wir haben immer gute Erfahrungen gemacht, wenn wir schrittweise vorgegangen sind, wenn wir unsere Produkte agil entwickelt haben. Statt langfristige Pläne zu schmieden, sollten Verlage kleine, schnelle Experimente machen und deren Erfolg oder Misserfolg messen, um zu lernen, was funktioniert und was nicht funktioniert. Nach diesem Prinzip haben beispielsweise Dumont oder die Schwäbische Zeitung in Ravensburg damit begonnen, ihre Inhalte auf Basis von Leistungskennzahlen, sogenannter Artikel-Scores, zu entwickeln. Diese Scores basieren auf gemessenen Erfahrungswerten und helfen dabei, die Resonanz auf Inhalte zu prognostizieren. Da sich eine solche datengetriebene Content-Produktion nicht von heute auf morgen umsetzen lässt, gilt auch hier das Prinzip der schrittweisen Veränderung. Damit dies funktioniert, sind drei wesentliche Voraussetzungen im Unternehmen zu schaffen:

  1. Eine wichtige Voraussetzung für agile Produktentwicklung ist, wie gesagt, dass das Produkt konsequent vom Kunden her gedacht wird: welches Problem ist zu lösen? Statt sich auf Annahmen zu stützen, muss sich der Verlag ein klares Bild vom tatsächlichen Bedarf des Kunden verschaffen. Dazu müssen Nutzungsdaten an den Schnittstellen zum Kunden systematisch erfasst und analysiert werden. Diese Daten sind in den meisten Verlagen vorhanden und müssen im Grunde nur richtig genutzt werden. Sinnvoll ist aber auch, die Leser einfach mal zu fragen, was sie von bestimmten Themen oder Ereignissen halten. Wenn man eine digitale Angebot betreibt, ist das nicht allzu schwer.
  2. Zudem braucht agile Produktentwicklung „Luft zum atmen“. Das heißt, es müssen Freiräume für das Experimentieren mit neuen Ansätzen geschaffen werden. Das betrifft zum einen das Thema Ressourcen – Personal, Technologie und Know how – und zum anderen die Fehlerkultur im Unternehmen: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Besonders, wenn verschiedene Disziplinen im Verlag zusammenwirken, die vorher nie wirklich zusammengearbeitet haben.
  3. Was mich zur dritten wichtigen Voraussetzung für agile Produktentwicklung bringt: Im Produktmanagement müssen verschiedene Fachbereiche zusammenwirken. Hier ist ein Maß an Interdisziplinarität gefragt, das in vielen Verlagen so noch nicht gegeben ist. Das Produkt ist hier nicht nur Motor für Veränderung, sondern treibt auch die Integration verschiedener Funktionen und Abteilungen im Verlag voran. Auch hier gilt das Prinzip “change by product”.

Wenn sich Verlage konsequent auf die Wertschöpfung ihres Contents konzentrieren, dann werden sie doppelt profitieren: sie werden bessere Produkte für ihre Kunden schaffen und sie werden die Digitalisierung systematisch in ihrem Unternehmen vorantreiben.

 

Bild: Klaus-Peter Frahm ist Leiter Innovationsmanagement bei der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH

Klaus-Peter Frahm ist Leiter Innovationsmanagement bei der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH

 

Themenportale für Unternehmen – die Antwort auf den Content-Shock

Wie auch kleine und mittlere Unternehmen mit dem richtigen Mix aus eigenem und lizensiertem Content zum Dreh- und Angelpunkt in ihrer Branche werden können.

Zehntausende Produktmanager in Deutschland versuchen täglich, ein Produkt oder eine Produktgruppe zu managen und am Markt zu platzieren. Ein paar von ihnen dürfen sich – wie schön für sie – um die Vermarktung von Luxusautos kümmern. Andere besprechen farbenfrohe Verpackungen für innovative Kosmetik auf biologischer Basis. Und wieder andere sitzen vielleicht vor einem Berg Schrauben – ein Produkt, das weit weniger „sexy“ als ein Luxusschlitten ist und damit ganz anderes Marketing benötigt. Und was für den einen die Schrauben sind, sind für den anderen Desinfektionsmittel, Abflussrohre oder Pflastersteine.

Auch Firmen, die solche – zwar unverzichtbaren, aber eher emotionslosen und langweiligen – Produkte herstellen, bewerben diese mit mehr oder weniger ansprechenden Texten im Internet. Denn Content gilt ja als King! Das ist per se schon nicht einfach, wenn sich die Schrauben nur im Kopf und der Länge unterscheiden oder die Desinfektionsmittel nur in der chemischen Formel. Trotzdem wird fleißig weiter geworben. Und so wachsen die Datenmengen bis zum Jahr 2020 auf geschätzte 40 Zetabytes an. Eine Zahl mit beachtlichen 21 Nullen!

Immer mehr Content bringt immer weniger

Immer öfter passiert nun das, was viele ahnen, aber niemand wahrhaben will: Der potenzielle Endkunde sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht – je mehr Content Unternehmen produzieren, desto mehr verschwinden all diese Infos tiefer und tiefer im Blätterwald. Zurück bleibt nur das sprichwörtliche Rauschen und nicht selten ein ob der Datenfülle total überforderter Kunde. Der macht dann am Ende resigniert das, was genau nicht passieren sollte: Er wendet sich ab und kauft seine Schrauben oder sein Desinfektionsmittel in China – bestenfalls sogar noch billiger. Die Folge: Anbieter hierzulande wollen mit aller Macht wieder wahrgenommen (und gekauft) werden und produzieren noch mehr Content. Ein Teufelskreis.

Die Lösung liegt hinter dem Tellerrand

Hat das Marketing mit Content deshalb ausgedient? Oder gibt es Lösungen, die helfen, der Datenflut Herr zu werden und an Sichtbarkeit zu gewinnen? Die gute Nachricht vorweg: Es gibt sie – wenn man den Mut hat, Marketing neu zu denken und sich von Partnern unterstützen lässt, die sich mit Content auskennen. Die Herausforderung besteht darin, Themenwelten zu schaffen, die sich inhaltlich nicht um Produkte, sondern um Kernkompetenzen und das fachliche Know how eines Unternehmens drehen. Genau so gelangt der Kunde nämlich zu einer Überzeugung und am Ende zu einer Kaufentscheidung: Die können das. Denen nehme ich das ab. Die sind glaubwürdig. Möglichkeiten dafür gibt es einige: Vom werbefreien Fachartikel zu Themen, die potenzielle Kunden bewegen, über praktische Anleitungen und Marktstudien, bis hin zu gut recherchierten Erfahrungsberichten und tagesaktuellen Nachrichten.
Das Besondere: Wo früher Werbephrasen dominierten, werden Themen besetzt und aus der Fülle verschiedenster Inhalte entstehen Themenwelten. So wird aus der Schraube z.B. das zentrale Element sicherer Maschinenanlagen oder komplexer Bauwerke. Das Produkt wird zur Lösung und aus dem Blog eines Unternehmens ein Themenportal, das man gerne regelmäßig besucht. Wie ein solches Themenportal in die Online-Kommunikation eines Unternehmens eingebunden werden kann, zeigt die folgende Skizze.Contiago Grafik-Themenwelten

Guten Content einfach mieten, statt selber produzieren

Doch woher soll ein KMU mit dünner Personaldecke die Inhalte für ein Themenportal hernehmen? Soll der Produktmanager knackige Artikel zur Geschichte deutscher Werkzeugkunst selber schreiben? Angereichert um Daten und Fakten, die seine Inhalte für den Leser interessant machen? Wohl eher nicht! Denn wozu gibt es die Möglichkeit, Inhalte von denen zu beziehen, die etwas von Content verstehen? Was früher ein „Pressespiegel“ war, könnte heute der „Newsfeed“ auf einer Unternehmensseite sein. Mit lizensierten Informationen, die beispielsweise von namhaften Fachverlagen stammen und das eigene Content-Angebot regelmäßig um aktuelle und fachlich hochwertige Inhalte bereichern.

Beispiel: Vom Schraubenhandel zum Bauportal

Potenzielle Kunden bekommen dann neben wohl dosierten Produktinfos zu den Schrauben in erster Linie wertvolle Informationen rund um das Thema „Bauen“. Angefangen bei Forschungen aus Organisationen wie z.B. dem Fraunhofer Institut zu neuen Meta-Materialien, die erkenntnisreiche Infos für Planer und Ingenieure bieten. Auch könnten Wirtschaftsmeldungen oder spannende Reportagen rund um Bauprojekte, in denen das eigene Produkt Anwendung findet, den Besuch der Website interessant machen. Das bedeutet gleichzeitig auch Vorteile in Sachen Suchmaschinenoptimierung (SEO). Denn die inhaltliche Qualität der Texte zählt bei Google & Co. inzwischen mehr als die Anzahl der Keywords. Unternehmen können all diese Informationen aus der Baubranche einfach abonnieren und innerhalb ihrer Themenwelten für potenzielle Kunden, aber auch für Journalisten, Partner und sonstige Interessengruppen zusammenstellen.

 

Fazit

Content Marketing geht in die nächste Runde: ein immer weiter wachsendes Überangebot von Inhalten im Internet zwingt Unternehmen dazu, umzudenken und Themen zu besetzen, statt ihre Produkte und Leistungen vordergründig zu bewerben. Die Herausforderung besteht darin, hochwertigen Content in Themen-Portalen für die Kunden zu einem attraktiven Angebot zusammenzustellen. Passende Fachinformationen und relevante Inhalte von Verlagen lassen sich sehr einfach und kostengünstig über Contiago lizensieren.

Digitalisierung in Verlagen: Mehr Mut, weniger Perfektionismus

Alle reden davon, doch was bewegt sich in Punkto Digitalisierung wirklich in den Verlagen? Dieser Frage ist Contiago im Gespräch mit Steffen Meier, Herausgeber des “Digital Publishing Report”, nachgegangen. Seine Diagnose: Vor allem Fachverlage sind auf einem guten Weg, während sich Publikumsverlage noch schwer tun, ihren Platz in der digitalen Welt zu finden.


Contiago:
Herr Meier, Sie verfügen über 25 Jahre Erfahrung in der Medienbranche und verfolgen intensiv die Entwicklungen in der Digitalisierung von Fach- und Publikumsverlagen. Ist Digitalisierung zu einer Phrase verkommen? Oder tut sich tatsächlich etwas in Medienhäusern?

Steffen Meier: Die Notwendigkeit, sich aktiv mit Digitalisierung auseinanderzusetzen ist Verlagsentscheidern mittlerweile bewusst geworden. Dementsprechend sind vielen Verlage in Bewegung. Allerdings erleben wir dabei – wie in jeder Branche – sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten, was die Bereitschaft zu Veränderung angeht. Viele Verlage machen das, was Sie vor zwanzig Jahren schon in gleicher Form gemacht haben. Andere haben die Höhen und auch die Tiefen durch neue technologische Entwicklungen kennengelernt und dabei eine gewisse, durchaus “gesunde” Skepsis entwickelt. Dennoch führt für Medienunternehmen über kurz oder lang kein Weg daran vorbei, ihre Inhalte und Vertriebswege zu digitalisieren.

Man darf bei der ganzen Diskussion um Digitalisierung allerdings nicht vergessen, dass es unter den 2.200 Verlagen in Deutschland nicht DEN Verlag gibt, sondern eine große Bandbreite vom Einzel- oder Kleinunternehmen bis hin zum Großunternehmen. Deshalb sollte man nicht den Anspruch haben, eine globale Lösung beispielsweise für Automatisierung oder Standardisierung zu finden, die für alle Arten von Medienunternehmen gleichermaßen funktioniert. Digitalisierung kann also keine “Blaupause” für Innovation in Verlagen, sondern nur die nötigen Impulse und Bedingungen liefern.

 

Können Sie Beispiele für Verlage nennen, die zeigen, wie Digitalisierung erfolgreich umgesetzt werden kann?

Digitalisierung betrifft nicht nur das Produkt selbst, sondern vor allem auch die Prozesse rund um die Produktion und Vermarktung von Inhalten. Fachverlage tun sich hier traditionell leichter, da Sie – anders als Publikumsverlage – ihre Produkte immer schon für eine klar definierte Zielgruppe anbieten und entsprechend gezielt vermarkten. Erfolgreiche Beispiele für Digitalisierung sind deshalb heute eher im Bereich der Fachverlage zu finden, was aber nicht bedeutet, dass Publikumsverlage untätig sind.

Verlage, die sich auf Fachinformationen spezialisiert haben, gehen neue Wege, indem Sie Ihre Inhalte nicht nur auf klassischen Wegen anbieten, sondern beispielsweise Unternehmen gezielt mit Content-Dienstleitungen unterstützen. Andere Verlage bieten unterschiedliche Formate für ihre Inhalte wie etwa Veranstaltungen oder Webinare an. Verlage wie dtv oder Murmann Publishers haben als dritten Weg die Vermittlung von Autoren und Referenten gewählt. Damit eröffnen Sie ihren “Lieferanten” neue Geschäftsfelder, was für Verlage zunächst einmal ungewohnt ist. Denn auf diese Weise verlassen sie die klassische Wertschöpfungskette vom Autor, der Inhalte liefert über den Verlag, der Inhalte vermarktet. Ähnlich positionieren sich Verlage wie Haufe, Vogel Business oder auch die Zeitschrift Impulse heute zunehmend als Netzwerkplattformen.

 

Wie verdienen Verlage künftig Geld?

Ob ein Verlag auch in der Zukunft Geld mit seinen Inhalten verdienen wird, hängt vor allem davon ab, welche Produktstrategie dahinter steckt. Hier ist das Business Development gefordert, die passenden Produkte zu entwickeln, die einen konkreten Bedarf beim Nutzer bedienen. Sich allein darauf zu konzentrieren, die bisherigen Produkte über neue Kanäle zum Nutzer zu bringen, ohne dabei das Produkt anzupassen, greift zu kurz. Dennoch bleibt auch die Frage der Distribution für Verlage strategisch wichtig. Und hier insbesondere die Entscheidung, ob man Inhalte und Dienstleistungen nur auf der eigenen Plattform vertreibt oder dazu auch fremde Kanäle, beispielsweise soziale Netzwerke, nutzt. Sie bieten die Chance, eine große Reichweite für das eigene Angebot zu erzielen. Hier spielen bisherige Erfahrungen eine wichtige Rolle: So hat Facebook vielen Verlagen nicht den erhofften Verkaufserfolg gebracht und ihnen zudem auch die Hoheit über ihre Inhalte entzogen. Zudem werden Verlage auf Facebook zwar sichtbar, haben aber keinen direkten Zugang zum Nutzer, um Kundenbeziehungen aufzubauen.

Der klassische Verkauf von Inhalten im Sinne von “Paid Content” wird sich zukünftig stärker in Richtung “Paid Services” entwickeln. Aus Content-Anbietern werden Content-Dienstleister. Das setzt jedoch voraus, dass Verlage klassische Geschäftsmodelle, die auf klassischen Content-Formaten basieren überdenken und neue Formen finden, beim Leser Nutzen zu stiften.

 

Sie sind selbst Verleger und beschäftigen sich mit digitalen Themen. Welche Tipps können Sie Verlagen geben, die die Digitalisierung im eigenen Hause vorantreiben wollen?

Eine alte Regel lautet: Von zehn Startups ist maximal eines halbwegs erfolgreich. Ich würde deshalb Verlagen empfehlen, neue Ansätze im Bereich der Digitalisierung auszuprobieren, dann aber auch den Mut zu haben, Dinge, die nicht funktionieren wieder einzustellen.

Idealerweise tastet man sich bei einer Neuorientierung oder der Entwicklung eines neuen Geschäftsfeldes mit kleinen Maßnahmen schrittweise voran – ohne den Anspruch zu haben, dass alles zu 100 Prozent perfekt sein muss. Ganz im Sinne des Lean-Startup-Gedankens sollte am Anfang ein sogenanntes “Minimum Viable Product” stehen. Das ist eine Art Prototyp, der gerade so weit entwickelt ist, dass der Verlag damit Erfahrungen im Markt sammeln kann, ohne gleich ein hohes unternehmerisches Risiko einzugehen. Ein solches Vorgehen ist in meinen Augen ein wichtiger Erfolgsfaktoren bei der Digitalisierung. Hinzu kommt natürlich ein strategischer Plan, eine Roadmap für die Veränderung.

Damit Digitalisierung zum Erfolg führt, braucht es außerdem interne Veränderungen und ein entsprechendes Mindset bei den Verlagen. Wichtig ist es hier vor allem, die Innovationskultur und Unternehmensbereiche wie das Business Development zu fördern. Auch gilt es, sich bewusst zu machen, dass die Zielgruppe die Spielregeln für das Publishing bestimmt. Und hier sind nicht unbedingt immer neue Trends und Technologien gefragt. Beim Digital Publishing Report mussten wir beispielsweise feststellen, dass unsere Zielgruppe gerne “oldschool” liest, so dass wir uns entgegen aller Ideen für innovative Formate für das PDF-Format entschieden haben. Heute experimentieren wir mit weiteren Formaten wie dem Webinar.

Erfolgreich ist somit nicht immer das, was gerade angesagt ist, sondern das, was der Nutzer erwartet.

 

Über Steffen Meier

Steffen Meier ist Herausgeber des „digital publishing report“, dem digitalen Magazin für die Medienbranche. Seit Herbst 2017 ist er auch als Berater für Medienunternehmen aktiv. Er war Chefredakteur einer Stadzeitung, freier Journalist, in diversen Werbeagenturen und Softwareunternehmen tätig. Daneben baute er den digitalen Verlagsbereich eines Fachverlages auf und leitete diesen viele Jahre.

Steffen Meier

Steffen Meier

 

Weiterführende Informationen:

Digital Publishing Report
Neue Erlösmodelle für Verlage, digitalpublishingreport.de, Heft 1, 2018
Innovation in Fachverlagen: Noch viel Luft nach oben, Interview mit Katja Nettesheim