Innovation@Publishing 2017: Keine Patentrezepte für Verlage in Sicht

Innovation@Publishing 2017: Keine Patentrezepte für Verlage in Sicht

Innovation@Publishing 2017
Innovation@Publishing 2017: Keine Patentrezepte für Verlage in Sicht Bildquelle: Nyvlt-art-Shutterstock.com

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf publizierende Unternehmen aus? Diese Frage diskutierten Anfang Dezember 2017 Experten aus Wissenschaft und Verlagswelt auf der Zukunftskonferenz Innovation@Publishing in Erlangen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Praxisberichte aus Verlagen, die die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung veranschaulichten. Die wichtigsten davon fassen wir hier zusammen.

Herausforderung 1: Paid Content

„Zeitung 4.0“, Michael Husarek, Chefredakteur bei den Nürnberger Nachrichten

Der Verlag Nürnberger Presse Druckhaus Nürnberg bringt zwei klassische Tageszeitungen heraus: die Nürnberger Nachrichten und die Nürnberger Zeitung. Die Gesamtauflage liegt bei 240.000 Exemplaren – Tendenz sinkend. In den letzten 25 Jahren hat der Verlag 100.000 Abonnenten verloren. Das Nachrichtenportal im Internet verzeichnet 800.000 Leser und 35 Millionen Klicks pro Monat. Doch daran verdient der Verlag nicht, sondern zahlt kräftig drauf. Ein Drittel des Traffics auf seinem Online-Portal generiert der Verlag über Facebook. Twitter trägt kaum zur Reichweite bei. Der Verlag testet permanent neue Produkte, wie zum Beispiel eine digitale Abendausgabe. Doch diese scheitern häufig an der mangelnden Zahlungsbereitschaft der Leser. Seit drei Jahren bietet der Verlag seinen Lesern eine News-App, die ebenfalls nicht profitabel ist.

Paid Content bietet der Verlag derzeit in zwei Formaten an: ein E-Paper der Zeitung und das digitale Magazin „Samson“, dass jedoch nur zurückhaltend angenommen wird. Für die Vermarktung der Online-Nachrichten setzt der Verlag auf einen üblichen Mix aus kostenfreien Inhalten, Freemium und harter Bezahlschranke. Die Hoffnung des Verlags liegt auf neuen Trends wie Sprachassistenten. Hier erhofft man sich über kurz oder lang eine wachsende Nachfrage nach regionalen Inhalten. Auch Themen wie autonomes Fahren oder Smart Home wecken die Hoffnung, dass das Publikum künftig durch die neuen Möglichkeiten wieder mehr Zeit in für das Konsumieren von Nachrichten aufwendet. Hier wird es für den Verlag darauf ankommen, mit Anbietern und Herstellern frühzeitig gemeinsame Lösungen zu entwickeln um sich neue Vertriebskanäle für ihre Nachrichten zu sichern.

Herausforderung 2: Digitale Geschäftsmodelle entwickeln

Chancen der Digitalisierung für Fachverlage, Dr. Gunther Schunk, Chief Communication Officer bei Vogel Business Media.

Der „Maschinenmarkt“ ist das erste und auch erfolgreichste Produkt von Vogel Business Media und zudem die weltweit auflagenstärkste Fachzeitschrift mit einer Auflage von rund sechs Millionen Lesern. Trotz der Erfolgszahlen hat der Verlag bereits vor über zehn Jahren damit begonnen, sich neu zu erfinden. Mit neuen Produkte jenseits des klassischen Printgeschäfts erwirtschaftet er heute zwei Drittel des Umsatzes. Dabei handelt es sich um Angebote in den Geschäftsfeldern Wissen (Paid Content, Data, Workflow Solutions), Agentur/B2B-Services und Media (Events). Die Produktstrategie umfasst dabei sowohl die Weiterentwicklung klassischer Produkte als auch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle – beides über Ventures und Kooperationen mit Startups. Aus dem alten Verlagsgebäude wurde ein Media Campus. Dort, wo früher Zeitschriften geschrieben und gedruckt wurden, bietet der Verlag heute Raum für Gründer und neue Entwicklungen wie Chatbots und künstliche Intelligenz. Zentrales Ziel ist dabei, den direkten Kontakt zum Leser – eines der wichtigsten Assets von Verlagen – auch unter veränderten Bedingungen zu pflegen.

Lesetipp: Im Interview mit Contiago erläutert die die Unternehmensberaterin Katja Nettesheim, wie Fachverlage von Startups profitieren können, und gibt Tipps für die Zusammenarbeit.


Fazit

Diese drei Beispiele haben unser Bild von der Verlagswelt erneut bestätigt: Fachverlage tun sich mit der Digitalisierung offenbar leichter als Publikumsverlage. Während Vogel Business Media neue, digitale Geschäftsmodelle bereits erfolgreich umsetzt, ist es den Nürnberger Nachrichten noch nicht gelungen, sich vom klassischen Printdenken zu lösen und digitale Erlösmodelle zu finden, die den anhaltenden Leserschwund ausgleichen könnten. Hier ist es noch ein weiter Weg zu dem vom Veranstalter propagierten „Publishing 4.0“.

 

Mehr über Publishing 4.0 lesen Sie in unserem Interview mit Jörn Fahsel von der Universität Erlangen.

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Contiago Team