Tag - digitale Transformation

Publishing 4.0: Veränderung nach dem Baukastenprinzip 

Blog_Publishing_Veraenderung_Baukastenprinzip

In seiner Studie „Publishing 4.0 – Chancen, Anforderungen, Konzepte“ wirft Jörn Fahsel einen Blick in die Zukunft des Publishing. Im Gespräch mit Contiago erläutert er, wo die Reise im digitalen Publishing hingeht und wie Verlage mit agilen Prinzipien darauf reagieren können.

Contiago: Wie wird das Publishing sich in den kommenden Jahren verändern?

Jörn Fahsel: Henry Ford wollte nicht schnellere Pferdekutschen bauen, sondern mit dem Auto eine völlig neue Form der Fortbewegung schaffen. Ähnlich sind wir im Publishing an einem Punkt, wo Verlage den Übergang vom klassischen Printprodukt hin zu einer neuen Form von digitalem Content im Sinne einer Content-Dienstleistung bewältigen müssen. Das setzt ein neues Verständnis von Content selbst voraus, aber auch von den Bedingungen, unter denen Content entsteht. Ich möchte das an einigen Aspekten erläutern:

Intelligenter Content
Digitaler Content besteht nicht nur aus Text, sondern enthält zu einem großen Teil Meta-Informationen, die ihn „intelligent“ machen. Das sind vor allem semantische und pragmatische Informationen hin zum Wissen sowie Lizenzbedingungen, die es ermöglichen, dass Content automatisch an fremde Systeme „andockt“. Zum Beispiel, wenn Inhalte aus einem Fachverlag in unterschiedliche Kanäle ausgeliefert werden soll – Stichwort Multi-Channel. Und das ist nur der Anfang. Zukünftig werden Systeme wie IBM Watson eigenständig auf Inhalte aus Verlagen zugreifen und diese für unterschiedliche Zwecke das heißt pragmatisch also kontextabhängig nutzen. Künstliche Intelligenz wird in den kommenden Jahren den Umgang mit Content grundlegend verändern. Dementsprechend müssen sich Form und Informationsgehalt der Inhalte ändern.

Agile Prozesse im Verlag
Aus Multi-Channel-Publishing ergeben sich neue Anforderungen an Prozesse und Abläufe in Verlagen. Denn diese müssen deutlich flexibler werden, um sich bei Bedarf an sich ändernde Bedingungen anpassen zu können. Im Business (Prozess) Engineering haben sich hierfür bausteinbasierte Modelle etabliert. Unterstützt wird dies durch Standards wie sie beispielsweise in der Deutschen Normungsroadmap Industrie 4.0 beschrieben werden. Dadurch werden Verlage zukünftig in der Lage sein, ihre Prozesse modular aufzubauen und agil weiterzuentwickeln.

Der Konsument wird zum Prosument
Eine weitere große Veränderung ergibt sich aus dem engen Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage im digitalen Publishing. Aus Konsumenten werden Prosumenten, die an der Entwicklung von Content selbst mitwirken: Inhalteanbieter analysieren ihr Nutzerverhalten und entwickeln nahezu in Echtzeit neue Content-Produkte, die exakt zum Bedarf passen. Das setzt voraus, dass Verlage in der Lage sind, Daten in großen Mengen zu erfassen und in neue Produkte umzusetzen. Hier kommen „Data Mining“ und „Process Mining“ ins Spiel. Das ist einigen Fachverlagen bekannt oder bereits in Anwendung. Die Herausforderung liegt hier eher darin, die nötige Bereitschaft für eine engere Zusammenarbeit mit dem Konsumenten zu entwickeln. Hier betreten Fachverlage Neuland.

Kooperation mit Wettbewerbern
Fachverlage sind auf die Zusammenarbeit mit Partnern angewiesen, wenn es darum geht, Inhalte zu entwickeln und zu vermarkten. Neben den Autoren und Vertriebspartnern werden dabei zukünftig auch Wettbewerber eine wichtige Rolle spielen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Haufe Suite, eine Plattform auf der verschiedene Verlage Fachinhalte für Unternehmen bereitstellen können. Hier werden die Inhalte semantisch angereichert und lassen sich auf der Plattform vernetzen. Fachverlage müssen lernen, mit Wettbewerbern zu kooperieren, um ihr eigenes Angebot zu ergänzen und zu optimieren. Hier ist ein Umdenken gefragt, was mit konsequenter Kundenorientierung gemeint ist.

Der Verlag als lernende Organisation
Der Fachverlag wandelt sich zum Informations- und Wissensdienstleister mit einer Reihe von neuen Funktionen und Berufsbildern im Unternehmen. Content-Ingenieure und Datenanalysten werden das Bild des Verlages prägen. Agilität, die wir in der Entwicklung neuer Produkte finden, wird auch die Bildung und das Lernen im Verlag prägen. Ziel ist es hier, die Fortbildung der Mitarbeiter konsequent am Bedarf auszurichten.

Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für Fach- und Special-Interest-Verlage?

Verlage müssen einen grundlegenden Wandel im Unternehmen in Gang bringen und steuern. Dabei kommt es vor allem auf die Führung an, die Innovation im Unternehmen konsequent durchsetzt und nicht vortäuscht, weil Digitalisierung gerade en vogue ist. Gefragt ist echtes „Digital Leadership“.  Außerdem kommt es darauf an, das klassische Verlagsgeschäft schrittweise in die digitale Welt zu überführen. Das bedeutet: Das Printgeschäft muss als „Cash-Cow“ mindestens solange aufrechterhalten werden, bis neue digitale Geschäftsmodelle greifen. Ein Umschalten von heute auf morgen wäre aus wirtschaftlicher Sicht wie Harakiri mit Anlauf. „Es braucht eine lange Zeit, um über Nacht berühmt zu werden.“ Dieses Zitat von Michael Jackson gilt auch für die digitale Transformation von Fachverlagen.

Welche Fähigkeiten sollten Verlage schon heute entwickeln, um auf die permanente Veränderung von Kundenbedürfnissen, Wettbewerbsumfeld und Geschäftsmodellen reagieren zu können?

Der Wandel vom Verlagsobjekt hin zum Content-Service kann nur gelingen, wenn Verlage den gesamten Prozess von der Konzeption bis hin zur Auslieferung an den Leser neu denken und soweit wie möglich digital unterstützen. Die digitale Content-Journey beginnt beim Finden und Einbinden von Autoren, die kollaborativ an Ideen und Inhalten arbeiten. Für die Veröffentlichung wird der Content medienneutral in Datenbanken gespeichert, die es ermöglichen, ihn nach Bedarf zu durchsuchen und mit anderen Inhalten zu vernetzen.

Die technologischen Grundlagen für die digitale Content-Journey sollten Fachverlage heute schon entwickeln. Und zwar nach einem Bausteinprinzip, das es ermöglicht, einzelne Teile jederzeit zu erneuern und an den Stand der Entwicklung anzupassen. Denn niemand kann sagen, wohin die Reise im digitalen Publishing genau geht und welche Anforderungen sich daraus ergeben werden.

Wo stehen Fach- und Special-Interest-Verlage heute?

Viele Verlage arbeiten noch sehr klassisch. Denn warum sollte man beispielsweise ein Content-Management-System anschaffen, wenn die Umsätze auch ohne technische Neuerungen stabil sind? Angeregt durch neue Entwicklungen wie etwa onlinebasiertes Cross-Media-Publishing, beginnen Verlage erst langsam, über Digitalisierung nachzudenken und erste Schritte zu gehen. Kleinere Verlage haben hier in der Regel weniger finanziellen Spielraum und tun sich mit dem Thema Digitalisierung entsprechend schwerer. Eine digitale Transformation nach dem Baukastenprinzip ermöglicht es zukünftig auch kleinen Verlagen, notwendige Veränderungen sinnvoll zu gliedern, sodass das Unternehmen jederzeit die Kontrolle behält und handlungsfähig bleibt.

Jörn Fahsel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für E-Publishing und Digitale Märkte am Institut für Buchwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen und Herausgeber der Studie Publishing 4.0 – Chancen, Anforderungen, Konzepte.

 

Jörn Fahsel

Jörn Fahsel

Multi-Channel-Publishing braucht eine „Content First“ Denke: Interview mit dem Publishing-Experten Haeme Ulrich

Contiago Blog: Multi-Channel-Publishing braucht eine Content First Denke

Inhalte aus Fachverlagen gelangen heute über eine Vielzahl von Kanälen zum Leser. Neben dem klassischen Weg über Vertrieb oder Abo beispielsweise auch über Digitalkioske, Angebote von sozialen Netzwerken oder Apps. Das stellt Verlage vor große Herausforderungen – und verlangt ein neues Verständnis von Publishing. „Content First“ fordert der Publishing-Spezialist Haeme Ulrich im Interview mit Contiago.

Contiago: Warum ist Multi-Channel-Distribution für Verlage so wichtig?

Haeme Ulrich: Heute geht es nicht mehr um den Kanal, sondern um die Relevanz der Inhalte. Wenn Verlage ihre Leser erreichen wollen, müssen sie die richtigen Inhalte zur richtigen Zeit an die richtige Person ausliefern. Dazu brauchen Verlage unterschiedliche Kanäle und sie müssen in der Lage sein, diese mit attraktiven Inhalten zu bespielen. Das bedeutet für Verlage, die bisher nur einen Kanal, das Magazin, bespielen und jetzt viele Kanäle verwalten müssen, Stress. Und die Kanäle werden immer mehr. Wer weiß schon, welche Kanäle morgen zum Leser führen? Multi-Channel ist also keine einmalige Aktion, sondern eine Fähigkeit für Verlage, flexibel auf neue Entwicklungen reagieren zu können.

Wo stehen Fachverlage beim Thema Multi-Channel heute?

Die Technologie für Verlage ist vorhanden, um Inhalte in unterschiedliche Kanäle auszuliefern. Aber in der Praxis bewegen sich nur wenige Verlage in diese Richtung. Die meisten leben in einer Art unbewussten Inkompetenz. Sie wissen nicht, wohin die Reise geht. Denn sie verharren in einem Silo und glauben, dass sie als Verlag eine Lizenz zum Geld drucken hätten. Deshalb machen sie weiter wie bisher, während sich der Informationsmarkt schnell weiterdreht. Dabei machen viele Verlage das Internet dafür verantwortlich, dass Inhalte kostenlos verschenkt werden. Das ist jedoch nicht das eigentliche Problem. Vielmehr ist durch das Internet und neue Kanäle die Anforderung an die Relevanz der Verlagsinhalte gestiegen. Ob der Content gedruckt ist, oder digital ausgeliefert wird, spielt keine Rolle. Er muss einfach für den Leser relevant sein. Das hat nichts mit dem „bösen“ Internet zu tun. Inhalte, die für den Leser nicht relevant sind, lassen sich nicht verkaufen, egal in welchem Kanal.

Wo geht die Reise für Verlage hin?

Ich bin davon überzeugt, dass Publisher zukünftig mehr über bezahlte Inhalte verdienen werden, als durch den Anzeigenkunden. Wir haben beispielsweise in unserem Publishing-Blog von Google Adsense auf Donation umgestellt, das heißt, wir bitten unsere Leser um einen freiwilligen Beitrag für den Artikel, statt ihn über Werbung zu finanzieren. Als langjähriger Blogger weiss ich, dass dies funktioniert. Verlage, denen ich das erzähle, denken ich hätte grüne Hörner, aber Paid Content funktioniert wirklich. Das setzt jedoch voraus, dass wir im Publishing zurückkommen zum Fokus auf den Konsumenten, weg vom Fokus auf den Inserenten. Viele Verlage haben sich zu sehr auf Anzeigenmodelle fixiert, weil es mit dem Verkaufen von Content im Internet nicht funktioniert hat. So sind Newsportale entstanden, die nur für Anzeigenkunden bestimmt sind und nicht mehr für den Leser.

Welches Verständnis von Content müssen Verlage entwickeln?

Die große Herausforderung für Verlage liegt darin, ihr Denken in Kanälen abzulegen. Das bringt Ruhe in das Thema Distribution und ermöglicht es den Verlagen, sich auf die Inhalte zu konzentrieren. Multi-Channel bedeutet also „Content First“: Nicht der Kanal, der die vermeintlich meisten Leser bringt, steht im Mittelpunkt, sondern die Inhalte selbst. Und Verlage sollten überlegen, wie der Content technisch so granular wird, dass er ohne Stress in unterschiedliche Kanäle geleitet werden kann. Das ist mehr als nur die Umstellung auf eine neues Content Management System oder neues Redaktionssystem. Denn das erfordert einen Kulturwandel, also eine grundlegende Transformation. Auf technischer Ebene hat XML schon vor langer Zeit eine wichtige Grundlage dafür gelegt, Inhalte im Verlag strukturiert zu erfassen. Für Autoren war die Arbeit mit hochstrukturierten Daten jedoch oft zu schwierig, sodass sich XML bis heute in Verlagen nur bedingt durchgesetzt hat. Heute gibt es neue Werkzeuge für XML, die sehr viel anwenderfreundlicher sind. Allerdings sind diese Tools in der Regel sehr teuer, was dazu geführt hat, dass sich parallel zum XML das HTML im Publishing etabliert hat. Die Möglichkeiten, Content strukturiert vom Kanal zu trennen sind also da. Trotzdem pumpen viele Verlage immer noch Inhalt von InDesign in digitale Kanäle. Das ist nach meinem Verständnis kein Multi-Channel sondern eher eine „Vergewaltigung“ von Inhalt.

Welche Rolle spielt die Automatisierung von Abläufen im Multi-Channel-Publishing?

Verlage kommen über kurz oder lang nicht um die Automatisierung herum. Allein schon deshalb, weil die Budgets in Verlagen nicht größer geworden sind. Allerdings hat sich die Zahl der Kanäle für die Verbreitung der Inhalte deutlich vergrößert. Verlage müssen also mit dem Budget, das ursprünglich für einen Kanal gedacht war, weitere Kanäle bedienen. Das funktioniert nur, indem die Distribution über mehrere Kanäle automatisiert wird. Das setzt jedoch voraus, dass Inhalte strukturiert in einem Format wie XML vorliegen.

Kennen Sie Beispiele für Verlage, die in Sachen Multi-Channel weit fortgeschritten sind? Was können andere Verlage von diesen lernen?

Unter unseren Kunden sind es vor allem die Fachverlage, die sich mit dem Thema Multi-Channel beschäftigen. Ein Beispiel für einen Verlag, der konsequent die Trennung von Inhalt und Kanal verfolgt, ist Compendio Bildungsmedien aus Zürich. Die Lehrmittel, die der Verlag vertreibt, sehen in jedem Kanal völlig unterschiedlich aus, obwohl die Inhalte die gleichen sind. Dadurch kann Compendio alle Kanäle flexibel bedienen und auch auf neue Anforderungen von Kunden schnell reagieren. Die treibende Kraft kommt hier aus dem Management, das interessanterweise aus Quereinsteigern besteht. Hier gibt es also wenig „Altlasten“ aus dem klassischen Publishing, die die Entwicklung in Richtung Content First behindern könnten. Dafür hat der Verlag auch die notwendigen Mittel und Ressourcen bereitgestellt. Eine interne Projektgruppe mit zehn Mitarbeitern steuert einen Veränderungsprozess, der agilen Prinzipien folgt. Große Probleme werden dabei in kleine Probleme unterteilt und schrittweise gelöst. Das ist Silicon Valley in einem Schweizer Fachverlag.

Welche Empfehlung geben Sie Verlagen, die sich in Richtung Multi-Channel entwickeln wollen?

Eine wichtige Voraussetzung ist eine digitale Transformation im Verlag. Wobei Transformation als fortlaufender Prozess verstanden werden muss, der im Grunde nie abgeschlossen ist. Insofern bedeutet digitale Transformation in erster Linie einen Kulturwandel. Ein Punkt, der besonders auf Geschäftsführungsebene oft unterschätzt wird. Denn die Herausforderung, Routiniers und Wissensarbeiter in Verlagen gleichermaßen in die Veränderung mitzunehmen ist riesig. Technologisch sind Verlage gefordert, ihre Print-First-Denke abzulegen und den Content in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns zu stellen. Technische Systeme, die Content First unterstützen müssen dabei nicht immer aus dem Publishing-Bereich stammen. Denn Innovation ist nicht zwingend nur innerhalb der Branche zu finden. Es lohnt sich durchaus für Verlage über den Tellerrand der eigenen Branche hinauszublicken. Das gilt auch für das Personal. Hier sind Querdenker und Wissensarbeiter mit frischen Ideen gefragt.

Über Haeme Ulrich

 

Foto: Haeme Ulrich

Haeme Ulrich

Haeme Ulrich bezeichnet sich als Publishing Geek. Seit bald 20 Jahren begleitet er als Trainer und Berater Agenturen, Verlage, Marketing-Abteilungen und Publishing-Software-Hersteller. Auch Firmen wie Adobe greifen gerne auf seine Marktkenntnisse zurück. Er bloggt zu Publishing-Themen unter www.publishingblog.ch