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KI in der Verlagsbranche: Anwendungsbereiche und Trends 2019

Contiago Blog: KI in der Verlagsbranche: Anwendungsbereiche und Trends 2019. Bildquelle: Tatiana Shepeleva/shutterstock.com

Künstliche Intelligenz bietet für Publisher große Chancen, aber auch Herausforderungen. Wir zeigen, wie KI schon heute in Verlagen eingesetzt wird, werfen einen Blick in die Zukunft und geben hilfreiche Tipps für den Einstieg.

Noch vor zehn Jahren kam Künstliche Intelligenz fast nur im akademischen Bereich zum Einsatz. Mittlerweile sind auch Unternehmen auf den Geschmack gekommen. Nahezu jede Branche setzt KI-Anwendungen ein, etwa um Entscheidungen im Business schneller und besser treffen zu können, das Wissen über Kunden zu verbessern oder Produktion und Logistik zu automatisieren – kurz: Unternehmen nutzen KI, um mehr aus Daten herauszuholen und um Prozesse effizienter zu machen. In Medienhäusern beschränkte sich der Einsatz von KI lange auf Verkauf und Vertrieb. Doch das ändert sich allmählich.

Welche Rolle spielt KI heute und zukünftig in Verlagen und Medienhäusern?

Künstliche Intelligenz wird für das Kerngeschäft der Publisher zukünftig immer wichtiger. Neue Technologien sind schon heute in der Lage, Content in unterschiedlichen Formaten – Text, Bild und Video – nicht nur formal, sondern auch inhaltlich zu verstehen. Riesige Mengen an Content können mit KI automatisch gefiltert, sortiert und angereichert werden. Die semantische Verknüpfung über Metadaten ermöglicht es wiederum, Content automatisiert zu verarbeiten.

Auch die Produktion von Inhalten wird von KI bereits an vielen Stellen unterstützt. Data Science, Analyse-Methoden und lernende Maschinen erzeugen Algorithmen für die automatisierte Recherche und Erstellung, für die assistierte Suche und Analyse von Archivmaterial oder maschinell erzeugte Texte und Metainformationen. Text-Engines wie rtr von retresco generieren heute schon vollautomatisch redaktionelle Texte in Echtzeit und in jeder Sprache.

Auf betriebswirtschaftlicher Ebene kann KI dabei unterstützen, große Mengen von Kundendaten in Verbindung mit Kennzahlen zur Nutzung von Inhalten in Echtzeit zu analysieren. Auf diese Weise können Verlage den Bedarf Ihrer Leser sehr genau ermitteln und passende Produkte entwickeln. Mit dem Wissen über den Bedarf der Zielgruppe lassen sich auch Marketing- und Vertriebsaktivitäten gezielter ausrichten und somit effizienter gestalten.

Wo liegen die Herausforderungen für Verlage, wenn sie KI einführen wollen?

Die größte Herausforderung ist gleichzeitig die Grundvoraussetzung dafür, das KI überhaupt funktioniert: der Umgang mit großen Datenmengen. Wie schnell Künstliche Intelligenz bestimmte Aufgaben erlernen und im Unternehmen produktiv tätig werden kann, hängt wesentlich davon ab, wieviele Daten ein Verlag bereitstellen kann. Dabei geht es nicht um Excel-Tabellen mit Kundendaten und ein paar Nutzungsdaten aus Website-Analytics, sondern um “Big Data”.

Wenn jeder Artikel laufend mit Metadaten angereichert wird und jeder “Touchpoint” zum Leser in Echtzeit Daten liefert, dann kommt es zu einer Datenflut, die ein Verlag bewältigen muss. Das ist besonders für kleinere Unternehmen eine große Herausforderung. Neue Lösungen wie etwa NoSQL-Datenbanken können dabei unterstützen, indem sie schnell und einfach Daten zusammenführen und verfügbar machen. Auch die Visualisierung von Daten (“Immersive Data”) verspricht eine leichtere Handhabung. Hier können Verlage konkret ansetzen.

Gibt es Beispiele für Verlage, die KI bereits erfolgreich einsetzen?

Die “Großen” machen es vor: 2017 veröffentlichte die Washington Post über 850 Artikel, die nicht von Menschen geschrieben wurden. Das System „Heliograf“ verfasst kleinere Meldungen wie etwa Sport-News und wertet Nutzungsdaten aus. Hier ist in der Praxis noch viel Luft nach oben, wie das folgende Beispiel zeigt:

“Schon im Jahr 2016 gestaltete der Supercomputer Watson von IBM eine eigene komplette Ausgabe des britischen Marketings-Magazins »The Drum«. Dazu gehörten auch die Aufgaben eines Chefredakteurs: die Themenauswahl, die Suche nach passenden Bildern, die visuelle Gestaltung der Zeitung und das Verfassen von Texten. Watson erledigte die Aufgabe mit Bravour und die Ausgabe ging mit einer Auflage von 1000 Stück in den Druck. Die temporär arbeitslosen Journalisten des Magazins nahmen die Auszeit mit Humor und entspannten derweil an ihren Arbeitsplätzen.” – Handelskraft

Für die Interaktion mit Lesern hat beispielsweise der Guardian einen Chatbot entwickelt, der die neuesten Nachrichten über den Facebook-Messenger ausliefert und auf Fragen der Leser reagiert. Die New York Times experimentiert mit einem Tool, das die Betreuung von Online-Kommentaren übernimmt. “Perspective API” von der Google-Firma Alphabet sortiert automatisch Kommentare basierend auf ihrer Tonalität.

BBC setzt auf “Semantic Discovery”, um Informationen zu sammeln und in Beziehung zueinander zu setzen. Nach fast zehnjähriger Entwicklung besitzt BBC heute nach Einschätzung von Experten eines der leistungsfähigsten Werkzeuge in diesem Bereich. Kleinere Verlage können von diesen Entwicklungen profitieren, indem Sie die entsprechenden Tools lizensieren und im Kleinen für ihr Business nutzen.

Worauf sollten Verlage achten, wenn sie ins Thema KI einsteigen?

Digitalisierung in Medienhäusern scheitert, wenn sie zu schnell und zu viel erreichen wollen. Besonders kleinere und noch “wenig digitalisierte” Unternehmen sollten planvoll und schrittweise vorgehen, Stichwort: agile Implementierung. Die folgenden drei Aspekte sollen grob skizzieren, worauf beim Einstieg in KI zu achten ist.

  1. In welchen Bereichen des Unternehmens kann KI schnell und mit möglichst geringem Risiko einen messbaren Nutzen stiften? Dies sind in der Regel solche Bereiche, in denen bereits zuverlässig mit Daten gearbeitet wird und die entsprechenden Prozesse und Strukturen für “Big Data” vorhanden sind, z.B. Marketing, Vertrieb, Kundenservice, Logistik und Produktion. Agile Tests helfen, mögliche Anwendungsfälle mit geringem Risiko zu identifizieren.
  2. Zu den Grundvoraussetzungen für KI gehören nicht nur die richtige Technologie und Tools, sondern auch der Aufbau von Expertise. Kann das Wissen intern abgedeckt bzw. aufgebaut werden oder sollte ein Dienstleister hinzugezogen werden? Letzteres bietet sich für agile Projekte, die schnell und mit geringem Veränderungsaufwand umgesetzt werden sollen, an.
  3. Die Integration von KI in konkrete Arbeitsabläufe und Strukturen im Unternehmen sorgt nicht selten für Misstrauen und Widerstand im Unternehmen. Menschen müssen überzeugt und “mitgenommen” werden. Kleine und überschaubare Projekte liefern schnelle Ergebnisse, die im Idealfall dazu beitragen, Ängste und Vorbehalte im Unternehmen abzubauen. Eine wichtige Rolle spielt eine transparente und auf Vertrauen basierende Kommunikation im Verlag.

Fazit:

Die großen Medienhäuser zeigen, wo die Reise der Künstlichen Intelligenz im Publishing hingeht. Neue Technologien können überall dort Nutzen stiften, wo große Mengen an Daten und Content in Echtzeit verwaltet und gesteuert werden müssen. Die Herausforderung für Verlage besteht darin, KI als Chance zu begreifen und Strukturen und Prozesse schrittweise zu digitalisieren. Dazu gehört der Mut, Publishing neu zu denken und sich neuen Technologien gezielt zu öffnen.

Auch wir bei Contiago arbeiten intensiv daran, Inhalte für die Content Syndication mithilfe von KI automatisiert zu verschlagworten, zu analysieren und zu indexieren. Wir werden demnächst von unseren vielversprechenden Pilotprojekten berichten.

Neue Erlösmodelle für Verlage: In welchen Modellen liegt die Zukunft?

Contiago Blog: Neue Erlösmodelle für Verlage: In welchen Modellen liegt die Zukunft? Bildquelle: areebarbar/shutterstock.com

Auf der Suche nach neuen Erlösmodellen wagen sich Medienhäuser nun auch in Bereiche außerhalb des regulären Publishings vor. So haben Gruner + Jahr ebenso wie die Handelsblatt Mediengruppe und Burda in diesem Jahr neue Modelle ins Leben gerufen, die Ihnen eine Mehrfachnutzung der vorhandenen Ressourcen und Inhalte ermöglichen. Anhand dieser Beispiele beleuchten wir einige der neuen Konzepte.

Die Medienbranche steht unter einem enormen Anpassungsdruck. Denn die Digitalisierung revolutioniert die Art und Weise, wie Inhalte produziert, verbreitet und konsumiert werden. Das hat große Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der Verlage. Die Einnahmen aus Vertrieb und Anzeigen im Printbereich bröckeln weg und neue, lukrative Erlösquellen sind scheinbar nicht in Sicht. Anfangs setzten die Verlage ihre Hoffnung auf digitale Ableger der Printtitel. Doch die Werbeeinnahmen blieben aus – nicht zuletzt aufgrund der Verbreitung von Adblockern und der Marktmacht von Facebook & Co. Nun versuchen es die Medienhäuser zunehmend mit Paid-Content. Doch die Bereitschaft der Endkunden, für digitalen Content zu zahlen, steigt nur langsam. Wenn plötzlich für etwas Geld verlangt wird, was lange Zeit kostenlos war, ist das für das Publikum schwer zu akzeptieren. So reichen auch diese Einnahmen noch nicht aus, um die Verluste aus dem Printbereich auszugleichen und die Frage bleibt: Wie werden Medienhäuser im digitalen Zeitalter ihr Geld verdienen?

Von Agenturdienstleistungen bis zum Möbel-Shop

Auf der Suche nach neuen Erlösmodellen wagen sich Medienhäuser mittlerweile in Bereiche vor, die mit dem ursprünglichen Publishing-Geschäft nur noch wenig zu tun haben. Die Bauer Media Group beispielsweise betreibt mehrere Online-Vergleichsplattformen und bietet Vertriebsdienstleistungen für mittlere und kleinere Verlage an (Interview in turi2). Die Mediengruppe Thüringen, ein Teil der Funke Mediengruppe, setzt unter anderem auf die Organisation von Messen und die Vermarktung von Außenwerbung. Burda will mit der hauseigenen Agentur, die sich bisher um Markenkooperationen für die eigenen Zeitschriften gekümmert hat, ins Influencer-Marketing einsteigen und Promis an Unternehmen vermitteln.

Meist bauen diese zusätzlichen Standbeine auf Kompetenzen auf, die ohnehin in den Medienhäusern vorhanden sind. So bieten viele Verlage auch Content-Dienstleistungen an, wie beispielsweise Gruner + Jahr, die mit der Agentur Territory sogar Marktführer im Bereich Content-Marketing sind. Doch das Hamburger Medienhaus geht mit anderen Geschäftsfeldern auch weit über das Publishing hinaus: Das Magazin „Schöner Wohnen“ verkauft Möbel, neben der Community Chefkoch.de wurde ein Online-Shop für Küchenzubehör eröffnet, und zum Magazin Beef gibt es ein gleichnamiges Restaurant. Seit 2018 ist Gruner + Jahr auch im Bereich der Weiterbildung aktiv: Mit der Brigitte-Academy wurde eine Plattform für persönliche Weiterentwicklung im Beruf und im Privatleben geschaffen. Zum Angebot gehören Symposien, Meetups und ein E-Learning-Programm; die Themen reichen von Bewerbungs- bis zu Styling-Tipps. G+J sieht die neue Academy als einen wichtigen Umsatzbringer, der auch im Brigitte-Magazin ein festes Ressort bekommen soll.

G+J und Handelsblatt legen den Fokus aufs Weiterbildungsgeschäft

Einen ähnlichen Ansatz wie G+J verfolgt auch die Handelsblatt Media Group. Auch sie will Weiterbildung als Standbein der Mediengruppe etablieren und hat kürzlich „Ada“ gestartet. Dabei handelt es sich um ein aufwendiges Schulungsprogramm, das sich an Unternehmen richtet, die ihre Mitarbeiter zu digitalen Themen und Technologien fortbilden möchten. In einem Interview von turi2.tv hat Frank Dopheide, der neue Geschäftsführer der Gruppe, die Hintergründe erklärt. Seiner Ansicht nach würden Lernmethoden aus dem letzten Jahrhundert den heutigen Herausforderungen nicht mehr gerecht, weshalb Ada neue Ansätze verfolgt, die nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern die Teilnehmer auch zum Handeln bringen. Schließlich bringe erst das den entscheidenden Mehrwert, um Inhalte wirklich zu verinnerlichen.

Aktualität und journalistische Kompetenzen als USP

Für Dopheide liegt das Geschäftsmodell „Weiterbildung“ gar nicht so weit weg von der bisherigen Arbeit der Handelsblatt-Journalisten. Deren Aufgabe sei es schließlich schon immer gewesen, zu informieren, Wissen zu vermitteln und über das Verstehen die Menschen schließlich zum Handeln zu bringen. Sie sind Spezialisten dafür, aktuelle Themen einzusortieren und verständlich aufzubereiten. Ob Journalismus oder Weiterbildung: Die grundsätzlichen Arbeitsweisen bleiben dieselben, nur dass es nicht mehr um die Einordnung des Tagesgeschehens geht, sondern um die Qualifikation von Menschen. Dopheide sieht daher in der Weiterbildung durchaus ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell für Verlage: „Zur Information muss die Qualifikation kommen, weil Journalisten mit ihrer Fähigkeit, Inhalte aufzubereiten, und dem aktuellen Bezug vielen anderen überlegen sind.“

Um dorthin zu gelangen, brauche es allerdings ein neues Selbstverständnis in den Medienhäusern. So ist auch im Programm Ada das zugehörige Printmagazin nur ein Instrument, um das Bildungsgeschäft voranzutreiben. „Wir wollen Weiterbildung mit allen Sinnen machen. Ada findet daher im gesamten Leben statt, nicht nur am Kiosk,“ so Dopheide.

Verlage brauchen ein neues Content-Verständnis

Wer als Verlag im digitalen Zeitalter erfolgreich sein will, muss sich somit von alten Denk- und Arbeitsweisen lösen. Es braucht ein neues Content-Verständnis – wofür auch Jörn Fahsel, Herausgeber der Studie „Publishing 4.0 – Chancen, Anforderungen, Konzepte“ in einem Interview mit Contiago plädierte. Er vergleicht die Situation mit der Erfindung des Automobils: Henry Ford baute nicht einfach schnellere Pferdekutschen, er schuf mit dem Auto eine völlig neue Form der Fortbewegung. „Ähnlich sind wir im Publishing an einem Punkt, wo Verlage den Übergang vom klassischen Printprodukt hin zu einer neuen Form von digitalem Content im Sinne einer Content-Dienstleistung bewältigen müssen,“ so Fahsel.

Die Handelsblatt Gruppe ist hierfür ein gutes Beispiel: Im Fokus steht nicht mehr die Erstellung einer gedruckten Zeitung, sondern das Ziel, zur „Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstands“ beizutragen. Und das geht eben nicht nur über Printmedien.
Die effiziente Nutzung von bereits vorhandenen Inhalten und Kompetenzen durch vielfältige Kanäle ist unerlässlich, um sich im digitalen Zeitalter behaupten zu können. Verlage sind gut beraten, nicht alles auf eine Karte zu setzen und den lukrativen Markt der Unternehmenskunden nicht zu vernachlässigen.

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Verlage profitieren von Kooperationen mit Startups – Interview mit Prof. Dr. Katja Nettesheim

Die deutsche Wirtschaft verschenkt durch fehlende oder ineffiziente Kooperation mit Startups bis 2020 allein in Deutschland ein Wachstumspotenzial in Höhe von 99 Milliarden Euro, so eine Studie von Accenture. „Davon sind auch Fachverlage betroffen“, sagt die Unternehmensberaterin Katja Nettesheim. Im Interview mit Contiago erläutert sie, wie Fachverlage von Startups profitieren können und gibt Tipps für die Zusammenarbeit.

Contiago: Wo stehen Fachverlage heute, wenn es darum geht, gemeinsam mit Startups an neuen Geschäftsmodellen oder technologischen Innovationen zu arbeiten?

 
Katja Nettesheim: Im Vergleich zu anderen Mediengattungen zeigen Fachverlage eine große Neugier und Offenheit gegenüber neuen Impulsen von außen. Das ist zunächst einmal positiv. Allerdings tun sich Fachverlage oft schwer damit, Anknüpfungspunkte mit Startups zu finden. Das liegt zum einen daran, dass es weniger Startups im B2B-Bereich gibt. Die meisten Medien-Startups, die bekannt werden, kommen aus dem B2C-Umfeld, mit einigen wenigen Ausnahmen. Zudem sind die Aufgabenstellungen bei Fachverlagen oft sehr spezifisch, was das Matching zusätzlich erschwert.

In welchen Bereichen haben Fachverlage bereits von Medien-Startups profitiert?

Ganz generell profitieren Fachverlage von Medien-Startups, wenn es darum geht, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Beispielsweise: Wie kann ein Fachverlag den Wandel des Nutzerverhaltens mitgehen und damit auch Geld verdienen? Eine Möglichkeit, sich fit für solche Entwicklungen zu machen, besteht für Fachverlage darin, sich mit Startups zusammen zu tun. Entweder durch eine Kooperation oder indem sie in Startups investieren. Welche Variante man wählt, hängt ganz von der strategischen Zielsetzung des Verlages ab. Allgemein sollte die aber realistisch sein: Ein Startup kann digitales Know-How und ggf. Infrastruktur oder ein gemeinsames neues Geschäftsmodell liefern. Mit der digitalen Transformation eines Fachverlages wäre es jedoch schlicht und ergreifend überfordert. Die eigene Kultur und Strukturen zu verändern, ist Sache des Verlages.

Können Sie hierfür Beispiele nennen?

Ein Beispiel für die gelungene Symbiose von Fachverlag und digitalen Unternehmen ist der Haufe Verlag. Früher mit Schwerpunkt im Loseblatt-Geschäft macht der Verlag heute nur noch 3 Prozent seines Umsatzes mit Print. Das ist vor allem auf die Übernahme verschiedener Softwareunternehmen zurückzuführen. Entscheidend war dabei, die Veränderung weg vom Printverlag hin zu einem modernen Medienhaus auch auf Ebene der Unternehmenskultur hinzubekommen.

Ein weiteres Beispiel ist das Medienhaus Vogel Business Media, das sich über Vogel Ventures an zehn Unternehmen beteiligt hat. Darunter sind auch Content-Startups und solche, die sich mit Wissensvermittlung beschäftigen. Die Zusammenarbeit mit Startups hat auch schrittweise zu einer Veränderung des Denkens und Handels im Verlag selbst geführt. Die Zusammenarbeit mit Startups, auf welcher Ebene auch immer, regt also durchaus Veränderungen im Verlag an.

Wo geht die Reise für Fachverlage in Sachen Paid Content hin?

Bezahlte Inhalte sind seit jeher das Kerngeschäft der Fachverlage. Bei den digitalen Inhalten haben Fachverlage eine bessere Position als Publikumsverlage. Denn sie verfügen über mehr proprietären Content und sie haben weniger kostenlose Inhalte ins Netz gestellt. Insofern ist die Ausgangssituation gut. Doch häufig nutzen Verlage sie nicht so, wie sie könnten. Und zwar aus individuell unterschiedlichen Gründen: Etwa weil sie mit ersten halbherzigen Versuchen, digitalen Content zu monetarisieren, gescheitert sind und das Thema danach auf Eis gelegt haben. Oder, und das ist gar nicht selten, weil ihre Leser noch sehr auf Print eingestellt sind und den Wechsel zu digitalen Inhalten nicht mitgehen. Hier ist noch viel Luft nach oben.

Welche 5 Tipps geben Sie Verlagen, die neue Geschäfts- oder Erlösmodelle suchen und einführen wollen? 

Digitale Transformation ist eine Politik der tausend Nadelstiche. Denn dabei geht es darum, Kernbereiche eines Fachverlages zu verändern – angefangen bei einem grundlegenden Perspektivenwechsel von der Innensicht des Fachverlages hin zur Sicht des Lesers. Damit ändert sich auch die Art und Weise, wie Content gedacht und entwickelt wird.

  1. Fokus auf den Leser: Fachverlage sollten ihr gewohntes Verhalten und Denken hinterfragen, indem sie sich klarmachen, was der Leser erwartet. Das führt zu einem neuen Verständnis der Rolle des Lesers  – und in Folge auch der eigenen Rolle.
  2. Bestmögliche Lösung finden: Digitale Leser sind anspruchsvoll und nicht bereit, sich an das Angebot eines Verlages anzupassen. Vielmehr muss der Verlag sich an den Problemen seiner Leser orientieren und hierfür bestmögliche Lösungen entwickeln.
  3. Aus Kundenfeedback lernen: Nicht die Strategie, Kompetenzen oder Meinungen des Verlags dürfen darüber entscheiden, wie ein Produkt aussieht, sondern allein der Leser. Fachverlage sind gut beraten, das Feedback ihrer Leser systematisch in die Konzeption ihrer Inhalte einzubeziehen.
  4. Externe Kompetenzen nutzen: Fachverlage sollten sich die Frage „Make or Buy“ selbstkritisch stellen: Können wir digitale Kompetenzen wirklich aus eigener Kraft aufbauen oder ist es aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoller, auf Kompetenzen von Startups zurückzugreifen?
  5. Schnell starten und durchziehen! Viele Vorhaben scheitern am Zögern vor dem Start oder an Bedenken, die im Verlaufe eines Projektes aufkommen. Digitale Veränderung braucht Willen und Durchhaltevermögen – und notfalls auch die Möglichkeit zum Scheitern.

Prof. Dr. Katja Nettesheim ist Gründerin und Geschäftsführerin von _MEDIATE und unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle.

Prof. Dr. Katja Nettesheim, Gründerin und Geschäftsführerin von _MEDIATE

Prof. Dr. Katja Nettesheim

 

Digitalisierung @dpa: Lessons Learned für Verlage

Die Publishing-Branche ist im Umbruch, die Zeichen der Zeit stehen auf Digitalisierung. Das betrifft nicht nur Verlage, sondern auch Content-Produzenten wie die dpa. Klaus-Peter Frahm, Leiter Innovationsmanagement, erklärt im Gespräch mit Contiago, warum die Nachrichtenagentur konsequent auf Wertschöpfung von Content setzt und welche Rolle Technologien dabei spielen.

Wo geht die Reise im Publishing hin? Was bedeutet Digitalisierung für die dpa und Verlage?

Digitalisierung geschieht, wenn unsere Produkte und Inhalte der digitalen Realität gerecht werden. Klingt einfach, ist es aber natürlich nicht. Denn dafür müssen wir unsere Strukturen und Prozesse entlang der Produktentwicklung formen. Das verlangt Veränderung – auch “digitale Transformation” genannt – behutsam und in kleinen Schritten. Ich nenne das “Change by Product”, ein Prozess, dem auch die dpa sich verschrieben hat. In der Mitte steht das Produkt, gemanagt von Produktmanagern, die wir systematisch ausbilden. Insofern ist die dpa auf dem besten Wege, eine echte Produktorganisation zu werden. Das befähigt uns, Digitalisierung selbst zu gestalten., anstatt uns von ihr gestalten oder entstellen zu lassen.

Wie reagiert die dpa auf das veränderte Nutzungsverhalten der Leser? Darauf, dass Content zunehmend über digitale Medien konsumiert wird?

Neben der Frage, wie wir ein nachgefragtes Produkt entwickeln, liegt unser Fokus darauf, die Wertschöpfung von Content zu steigern und dabei noch effizienter zu werden. Technologien auf Basis künstlicher Intelligenz können dabei eine große Hilfe sein. Sie unterstützen nicht nur bei der Planung und Produktion, sondern auch bei der Nutzung und Verwertung von Content. Einfachstes Beispiel ist die automatisierte Klassifizierung von Texten für Verschlagwortungen zur besseren Auffindbarkeit von relevanten Inhalten, und für die sinnvolle Verteilung von Inhalten auf die so unterschiedlichen Zielgruppen. Außerdem bereiten wir uns darauf vor, unser Content-Angebot um maschinell erzeugte Texte erweitern zu können, z.B. in den Ressorts Sport oder Finanzen. Wir sehen hier große Potenziale für die Wertschöpfung und auch die Qualität unserer Produkte.

Welche Erfahrungen hat die dpa mit der Digitalisierung gemacht? Welche Tipps würden Sie Verlagen geben?

Wir haben immer gute Erfahrungen gemacht, wenn wir schrittweise vorgegangen sind, wenn wir unsere Produkte agil entwickelt haben. Statt langfristige Pläne zu schmieden, sollten Verlage kleine, schnelle Experimente machen und deren Erfolg oder Misserfolg messen, um zu lernen, was funktioniert und was nicht funktioniert. Nach diesem Prinzip haben beispielsweise Dumont oder die Schwäbische Zeitung in Ravensburg damit begonnen, ihre Inhalte auf Basis von Leistungskennzahlen, sogenannter Artikel-Scores, zu entwickeln. Diese Scores basieren auf gemessenen Erfahrungswerten und helfen dabei, die Resonanz auf Inhalte zu prognostizieren. Da sich eine solche datengetriebene Content-Produktion nicht von heute auf morgen umsetzen lässt, gilt auch hier das Prinzip der schrittweisen Veränderung. Damit dies funktioniert, sind drei wesentliche Voraussetzungen im Unternehmen zu schaffen:

  1. Eine wichtige Voraussetzung für agile Produktentwicklung ist, wie gesagt, dass das Produkt konsequent vom Kunden her gedacht wird: welches Problem ist zu lösen? Statt sich auf Annahmen zu stützen, muss sich der Verlag ein klares Bild vom tatsächlichen Bedarf des Kunden verschaffen. Dazu müssen Nutzungsdaten an den Schnittstellen zum Kunden systematisch erfasst und analysiert werden. Diese Daten sind in den meisten Verlagen vorhanden und müssen im Grunde nur richtig genutzt werden. Sinnvoll ist aber auch, die Leser einfach mal zu fragen, was sie von bestimmten Themen oder Ereignissen halten. Wenn man eine digitale Angebot betreibt, ist das nicht allzu schwer.
  2. Zudem braucht agile Produktentwicklung „Luft zum atmen“. Das heißt, es müssen Freiräume für das Experimentieren mit neuen Ansätzen geschaffen werden. Das betrifft zum einen das Thema Ressourcen – Personal, Technologie und Know how – und zum anderen die Fehlerkultur im Unternehmen: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Besonders, wenn verschiedene Disziplinen im Verlag zusammenwirken, die vorher nie wirklich zusammengearbeitet haben.
  3. Was mich zur dritten wichtigen Voraussetzung für agile Produktentwicklung bringt: Im Produktmanagement müssen verschiedene Fachbereiche zusammenwirken. Hier ist ein Maß an Interdisziplinarität gefragt, das in vielen Verlagen so noch nicht gegeben ist. Das Produkt ist hier nicht nur Motor für Veränderung, sondern treibt auch die Integration verschiedener Funktionen und Abteilungen im Verlag voran. Auch hier gilt das Prinzip “change by product”.

Wenn sich Verlage konsequent auf die Wertschöpfung ihres Contents konzentrieren, dann werden sie doppelt profitieren: sie werden bessere Produkte für ihre Kunden schaffen und sie werden die Digitalisierung systematisch in ihrem Unternehmen vorantreiben.

 

Bild: Klaus-Peter Frahm ist Leiter Innovationsmanagement bei der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH

Klaus-Peter Frahm ist Leiter Innovationsmanagement bei der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH

 

Digitalisierung in Verlagen: Mehr Mut, weniger Perfektionismus

Alle reden davon, doch was bewegt sich in Punkto Digitalisierung wirklich in den Verlagen? Dieser Frage ist Contiago im Gespräch mit Steffen Meier, Herausgeber des “Digital Publishing Report”, nachgegangen. Seine Diagnose: Vor allem Fachverlage sind auf einem guten Weg, während sich Publikumsverlage noch schwer tun, ihren Platz in der digitalen Welt zu finden.


Contiago:
Herr Meier, Sie verfügen über 25 Jahre Erfahrung in der Medienbranche und verfolgen intensiv die Entwicklungen in der Digitalisierung von Fach- und Publikumsverlagen. Ist Digitalisierung zu einer Phrase verkommen? Oder tut sich tatsächlich etwas in Medienhäusern?

Steffen Meier: Die Notwendigkeit, sich aktiv mit Digitalisierung auseinanderzusetzen ist Verlagsentscheidern mittlerweile bewusst geworden. Dementsprechend sind vielen Verlage in Bewegung. Allerdings erleben wir dabei – wie in jeder Branche – sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten, was die Bereitschaft zu Veränderung angeht. Viele Verlage machen das, was Sie vor zwanzig Jahren schon in gleicher Form gemacht haben. Andere haben die Höhen und auch die Tiefen durch neue technologische Entwicklungen kennengelernt und dabei eine gewisse, durchaus “gesunde” Skepsis entwickelt. Dennoch führt für Medienunternehmen über kurz oder lang kein Weg daran vorbei, ihre Inhalte und Vertriebswege zu digitalisieren.

Man darf bei der ganzen Diskussion um Digitalisierung allerdings nicht vergessen, dass es unter den 2.200 Verlagen in Deutschland nicht DEN Verlag gibt, sondern eine große Bandbreite vom Einzel- oder Kleinunternehmen bis hin zum Großunternehmen. Deshalb sollte man nicht den Anspruch haben, eine globale Lösung beispielsweise für Automatisierung oder Standardisierung zu finden, die für alle Arten von Medienunternehmen gleichermaßen funktioniert. Digitalisierung kann also keine “Blaupause” für Innovation in Verlagen, sondern nur die nötigen Impulse und Bedingungen liefern.

 

Können Sie Beispiele für Verlage nennen, die zeigen, wie Digitalisierung erfolgreich umgesetzt werden kann?

Digitalisierung betrifft nicht nur das Produkt selbst, sondern vor allem auch die Prozesse rund um die Produktion und Vermarktung von Inhalten. Fachverlage tun sich hier traditionell leichter, da Sie – anders als Publikumsverlage – ihre Produkte immer schon für eine klar definierte Zielgruppe anbieten und entsprechend gezielt vermarkten. Erfolgreiche Beispiele für Digitalisierung sind deshalb heute eher im Bereich der Fachverlage zu finden, was aber nicht bedeutet, dass Publikumsverlage untätig sind.

Verlage, die sich auf Fachinformationen spezialisiert haben, gehen neue Wege, indem Sie Ihre Inhalte nicht nur auf klassischen Wegen anbieten, sondern beispielsweise Unternehmen gezielt mit Content-Dienstleitungen unterstützen. Andere Verlage bieten unterschiedliche Formate für ihre Inhalte wie etwa Veranstaltungen oder Webinare an. Verlage wie dtv oder Murmann Publishers haben als dritten Weg die Vermittlung von Autoren und Referenten gewählt. Damit eröffnen Sie ihren “Lieferanten” neue Geschäftsfelder, was für Verlage zunächst einmal ungewohnt ist. Denn auf diese Weise verlassen sie die klassische Wertschöpfungskette vom Autor, der Inhalte liefert über den Verlag, der Inhalte vermarktet. Ähnlich positionieren sich Verlage wie Haufe, Vogel Business oder auch die Zeitschrift Impulse heute zunehmend als Netzwerkplattformen.

 

Wie verdienen Verlage künftig Geld?

Ob ein Verlag auch in der Zukunft Geld mit seinen Inhalten verdienen wird, hängt vor allem davon ab, welche Produktstrategie dahinter steckt. Hier ist das Business Development gefordert, die passenden Produkte zu entwickeln, die einen konkreten Bedarf beim Nutzer bedienen. Sich allein darauf zu konzentrieren, die bisherigen Produkte über neue Kanäle zum Nutzer zu bringen, ohne dabei das Produkt anzupassen, greift zu kurz. Dennoch bleibt auch die Frage der Distribution für Verlage strategisch wichtig. Und hier insbesondere die Entscheidung, ob man Inhalte und Dienstleistungen nur auf der eigenen Plattform vertreibt oder dazu auch fremde Kanäle, beispielsweise soziale Netzwerke, nutzt. Sie bieten die Chance, eine große Reichweite für das eigene Angebot zu erzielen. Hier spielen bisherige Erfahrungen eine wichtige Rolle: So hat Facebook vielen Verlagen nicht den erhofften Verkaufserfolg gebracht und ihnen zudem auch die Hoheit über ihre Inhalte entzogen. Zudem werden Verlage auf Facebook zwar sichtbar, haben aber keinen direkten Zugang zum Nutzer, um Kundenbeziehungen aufzubauen.

Der klassische Verkauf von Inhalten im Sinne von “Paid Content” wird sich zukünftig stärker in Richtung “Paid Services” entwickeln. Aus Content-Anbietern werden Content-Dienstleister. Das setzt jedoch voraus, dass Verlage klassische Geschäftsmodelle, die auf klassischen Content-Formaten basieren überdenken und neue Formen finden, beim Leser Nutzen zu stiften.

 

Sie sind selbst Verleger und beschäftigen sich mit digitalen Themen. Welche Tipps können Sie Verlagen geben, die die Digitalisierung im eigenen Hause vorantreiben wollen?

Eine alte Regel lautet: Von zehn Startups ist maximal eines halbwegs erfolgreich. Ich würde deshalb Verlagen empfehlen, neue Ansätze im Bereich der Digitalisierung auszuprobieren, dann aber auch den Mut zu haben, Dinge, die nicht funktionieren wieder einzustellen.

Idealerweise tastet man sich bei einer Neuorientierung oder der Entwicklung eines neuen Geschäftsfeldes mit kleinen Maßnahmen schrittweise voran – ohne den Anspruch zu haben, dass alles zu 100 Prozent perfekt sein muss. Ganz im Sinne des Lean-Startup-Gedankens sollte am Anfang ein sogenanntes “Minimum Viable Product” stehen. Das ist eine Art Prototyp, der gerade so weit entwickelt ist, dass der Verlag damit Erfahrungen im Markt sammeln kann, ohne gleich ein hohes unternehmerisches Risiko einzugehen. Ein solches Vorgehen ist in meinen Augen ein wichtiger Erfolgsfaktoren bei der Digitalisierung. Hinzu kommt natürlich ein strategischer Plan, eine Roadmap für die Veränderung.

Damit Digitalisierung zum Erfolg führt, braucht es außerdem interne Veränderungen und ein entsprechendes Mindset bei den Verlagen. Wichtig ist es hier vor allem, die Innovationskultur und Unternehmensbereiche wie das Business Development zu fördern. Auch gilt es, sich bewusst zu machen, dass die Zielgruppe die Spielregeln für das Publishing bestimmt. Und hier sind nicht unbedingt immer neue Trends und Technologien gefragt. Beim Digital Publishing Report mussten wir beispielsweise feststellen, dass unsere Zielgruppe gerne “oldschool” liest, so dass wir uns entgegen aller Ideen für innovative Formate für das PDF-Format entschieden haben. Heute experimentieren wir mit weiteren Formaten wie dem Webinar.

Erfolgreich ist somit nicht immer das, was gerade angesagt ist, sondern das, was der Nutzer erwartet.

 

Über Steffen Meier

Steffen Meier ist Herausgeber des „digital publishing report“, dem digitalen Magazin für die Medienbranche. Seit Herbst 2017 ist er auch als Berater für Medienunternehmen aktiv. Er war Chefredakteur einer Stadzeitung, freier Journalist, in diversen Werbeagenturen und Softwareunternehmen tätig. Daneben baute er den digitalen Verlagsbereich eines Fachverlages auf und leitete diesen viele Jahre.

Steffen Meier

Steffen Meier

 

Weiterführende Informationen:

Digital Publishing Report
Neue Erlösmodelle für Verlage, digitalpublishingreport.de, Heft 1, 2018
Innovation in Fachverlagen: Noch viel Luft nach oben, Interview mit Katja Nettesheim

Regionale Medienhäuser als Motor der Digitalisierung von lokalen Unternehmen

Online recherchieren, vor Ort shoppen

Der moderne Kunde bewegt sich permanent zwischen online und offline. Er recherchiert im Netz und kauft vor Ort ein. Für lokale Unternehmen ist es daher wichtig, online präsent zu sein. Die physische Stadt muss sich in der digitalen Welt widerspiegeln. An diesem Punkt setzen regionale Online-Plattformen an, von denen es immer mehr gibt. Verlage besitzen ideale Voraussetzung, um zum Dreh- und Angelpunkt dieser Initiativen zu werden.

Wir sprachen mit Roland Woelfel, Experte für regionale Online-Netzwerke, über Herausforderungen und Chancen der „digitalen Einkaufsstadt“ und die Rolle von Medienhäusern als Treiber der Digitalisierung.

Sie haben in Ihrer Studie 150 Online-Plattformen mit lokalem Fokus in Deutschland analysiert. Wo stehen regionale Wirtschaft, Kommunen und sonstige Akteure in Punkto Digitalisierung heute?

Die meisten haben erkannt, dass Sie sich des Themas intensiver annehmen müssen als bisher. Dabei gibt es Aktive, die schon immer vorne dabei waren, sowohl bei Unternehmen als auch bei den Kommunen. Eine Mehrheit unternimmt allerdings erst heute die ersten Gehversuche, die man nicht mal nebenbei erledigen kann. Vielmehr bedarf es sowohl in Betrieben als auch in der Verwaltung von Kommunen entsprechender Ressourcen. Letztere sind noch stark gefangen in gelernten Abläufen. Sie versuchen, Digitalisierungsthemen eher der Wirtschaft und anderen Akteuren zuzuschieben. Die größte Hürde liegt hier in der Veränderung, denn Abläufe und die interne Organisation müssen auf den Prüfstand, um Digitalisierung zu ermöglichen.

Unternehmen tun sich im Vergleich zu Kommunen leichter, weil Entscheidungen einfacher gefällt werden und Projekte schneller angeschoben werden können. Kleine Betriebe mit zwei bis drei Mitarbeiter sind in der Regel zu stark in ihr Tagesgeschäft eingebunden, als dass sie sich Digitalisierungswissen aneignen und im Laden umsetzen könnten. Solche Betriebe coachen wir nach dem Prinzip „Learning by Doing“, d.h. wir nehmen sie konkret an die Hand und zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, beispielsweise in Google zu werben. So entsteht vielfach der Appetit auf Digitalisierung. Zur Digitalisierung im Verkauf zählt natürlich auch das Thema Warenwirtschaft, wo viele Unternehmen großen Nachholbedarf haben. Denn Kunden geht es besonders um die Verfügbarkeit von Waren: „Wo bekomme ich die Produkte, die ich suche?“

Lokale Medienhäuser und Verlage tragen das Thema Digitalisierung oft zusammen mit technischen Dienstleistern in die Regionen. Der Zugang geschieht hier über das Kerngeschäft der Verlage, den Content, über den die Verlage ja reichlich verfügen. Zudem verfügen sie über die nötige Vertriebsstruktur und Kommunikationsbreite vor Ort. Deshalb liegt es Nahe, dass Verlage zum Dreh- und Angelpunkt von lokalen Digitalisierungsinitiativen werden.

Was hält viele regionale Akteure davon ab, die Herausforderungen einer zunehmend digitalisierten Welt anzugehen, bzw. gemeinsam aktiv zu werden?

Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: fehlendes Know-how, Berührungsängste mit dem Internet, aber auch ein falsches Verständnis. Denn das Internet ist ja kein Feind, sondern ein Werkzeug, das alle nutzen können. Dazu kommt häufig das Argument, dass finanzielle und personelle Ressourcen fehlen, um sich um Digitalisierungsthemen zu kümmern. Hier müssen Unternehmen lernen, insbesondere das Internet nicht nur als zusätzlichen Aufwand, sondern als Kommunikation- und Vertriebsplattform zu erkennen. Dazu ist eine Anschubinvestition nötig, die vor allem kleinere Betriebe oft scheuen. Das gilt besonders für Handwerker, deren Auftragsbücher auch ohne Internet voll sind – anders als bei Einzelhändlern, die um jeden Kunden kämpfen müssen.

Einzelhändler sehen häufig den Feind im Netz, weil sie fürchten, dass Kunden sich bei ihnen im Laden informieren und dann doch online kaufen. In der Realität ist jedoch das Gegenteil der Fall: 80 Prozent der Kunden recherchieren im Netz und 40 Prozent davon kaufen im Laden. Das Netz unterstützt also eher den lokalen Handel, als dass es ihm schadet. Dazu müssen Einzelhändler jedoch im Netz sichtbar sein, damit Kunden erfahren, wo sie die Produkte bekommen können, die sie suchen. Diesen sogenannten “Ropo-Effekt” (Ropo steht für “Research online purchase offline”) sollten Händler und Betriebe für sich nutzen.

 

“Wer etwas will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.” – Albert Camus


Wer sind die Treiber hinter den lokalen Online-Initiativen? Welche Rolle spielen Zeitungen und Verlage dabei?

Um regionale Initiativen in Gang zu bringen, braucht es “Kümmerer”: Jemanden, der Unternehmen, Bürger und Kommunen zusammenbringt und Projekte am Laufen hält. Hier sind regionale Zeitungsverlage, Unternehmen, aber auch das Stadtmarketing oder Werbegemeinschaften sehr aktiv. Manchmal kommen Impulse auch von lokalen Startups, die ihre Ideen für regionale Netzwerke oder Plattformen vorantreiben. Kommunen sind gefordert, sich ihrer Standortverantwortung bewusst zu werden und Digitalisierung im Sinne des Standortmarketings zu fördern.

Können Sie Beispiele nennen, in denen Medienhäuser erfolgreich zum Motor für Online-Plattformen und -Initiativen geworden sind?

Da Projekte in diesem Bereich in der Regel noch recht jung sind, definiert sich der Erfolg darüber, dass Unternehmen digital sichtbar werden und einen neuen Zugang zum Kunden erhalten. Primäres Ziel von Online-Initiativen ist es zunächst, der Konkurrenz Amazon & Co. etwas entgegenzusetzen und Umsatzabflüsse in diese Richtung einzudämmen. Wenn das geschafft ist, kann sich Erfolg im Sinne von Umsatzsteigerungen und Absatzzahlen einstellen.

Erste Schritte in diese Richtung hat beispielsweise die Pforzheimer Zeitung mit der Online-Plattform lokalschatz.de unter dem Motto “Online bummeln, lokal kaufen” gemacht. 

Die Idee hinter der Plattform beschreibt PZ-Medien folgendermaßen:

“Lokalschatz.de funktioniert nach dem Prinzip Click & Collect. Damit kann der Endverbraucher bei seinem „Lokalschatz“ ein Produkt reservieren und entsprechend der Reservierungskonditionen in den folgenden Tagen abholen. Dadurch erhält der Kunde eine persönliche, fachkundige Beratung sowie professionellen Service von seinem lokalen Händler. Auf diese Weise findet er seinen „Lokalschatz“ und kann ihn langfristig behalten. Lokalschatz.de unterstützt auch die knapp 70 Prozent der Händler in Baden-Württemberg, die für ihre Produkte keine Online-Präsenz haben.”

Derzeit beteiligen sich 71 Akteure aus Handel und Wirtschaft mit über 470 Produkten und Angeboten an dem Projekt. Im PZ-Medienhaus sind etwa 20 Mitarbeiter mit der Betreuung der Plattform befasst. 

Welche Tipps geben Sie regionalen Akteuren, die eine Online-Plattform oder -Netzwerk ins Leben rufen wollen?

Wichtig ist ein lokales Bündnis von Akteuren, die etwas bewegen wollen. Man sollte nicht versuchen, die zu bekehren, die weit weg vom Thema Digitalisierung sind, sondern sich im Sinne von Winston Churchill auf eine “Allianz von Willigen” konzentrierten. Dazu ist es nötig, zu informieren und mit kleinen Kampagnen beispielsweise auf Facebook eine Sichtbarkeit im Netz und damit erste sichtbare Erfolge zu erreichen. Hier geht es darum, den Akteuren zu zeigen, dass es sich lohnt, aktiv zu werden. Mit diesen sogenannte “Quick wins” lassen sich dann auch im weiteren Verlauf eines Projektes die Bedenkenträger überzeugen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass man sich nicht von der Technik treiben lässt, sondern das Vorhaben immer vom Kunden her denkt und plant. Nicht selten folgen Akteure dem Angebot von technischen Anbietern und haben nicht den strategischen Blick auf die Zielsetzung und Anforderungen einer physischen Stadt. Digitale Initiativen können nur dann erfolgreich sein, wenn die physische Stadt und die digitale Stadt integriert gedacht und entwickelt werden.

 

“Nur wenn wir unsere Kommunen mit dem Blick und dem Wissen der Bürger entwickeln, werden sie von deren Identifikation und Engagement getragen.” – Roland Wölfel


Über Roland Wölfel

Geschäftsführer und Partner CIMA Beratung + Management GmbH Deutschland, Zentrales Projektmanagement im Modellprojekt Digitale Einkaufsstadt Bayern, Projektleiter Digitale Einkaufsstadt Coburg, Projektleiter Studie gemeinsam.online (Untersuchung von Online-Plattformen mit lokalem Fokus)

Roland Wölfel

Roland Wölfel

Digital Publishing: Ein neues Content-Verständnis muss her

Contiago Blog: Digital Publishing: Ein neues Content-Verständnis muss her

Die Herausforderungen, denen Verlage heute gegenüberstehen, sind komplex. Denn der Paradigmenwechsel von Print zu Online hat auf ihr Geschäft dramatische Auswirkungen: auf ihre Beziehung zu den Lesern, auf die Art der Content-Distribution, die internen Strukturen, ihre Produkte und Dienste, ihr Selbstverständnis, ja, auf ihr komplettes Geschäftsmodell. Sieben von zehn Verlagen gaben in einer Befragung von Bitkom an, dass sich durch die Digitalisierung ihr Geschäftsmodell verändert. 85 Prozent sagen, sie müssen dadurch ihre Produkte und Dienste anpassen. Wer sich nicht rechtzeitig auf diese Situation einstellt und ein neues Geschäftsmodell fürs Digitale findet, dem sagen Experten eine düstere Zukunft voraus. So ist beispielsweise Warren Buffett überzeugt, dass nur eine Handvoll Verlage den Umbruch in der Branche überleben werden. Im Folgenden gehen wir auf einige der Herausforderungen ein und zeigen auf, wie Verlage darauf reagieren können.

Digitale Content-Distribution über viele Kanäle

Zu den größten Herausforderungen, denen Verlage derzeit gegenüberstehen, zählt die Multi-Channel-Distribution. Redaktionelle Inhalte werden heute über eine Vielzahl an Kanälen verbreitet. Zum klassischen Vertrieb des Printprodukts über Einzelverkauf oder Abo sind eine Reihe digitaler Distributionswege hinzugekommen: Über die Verlagswebsite beispielsweise können Inhalte kostenlos oder als Paid-Content angeboten werden, über eine Verlags-App lassen sie sich direkt aufs Smartphone liefern. Außerdem können Nutzer den Content über Digitalkioske abonnieren oder innerhalb einer News-App in den sozialen Medien lesen. Die Content-Distribution wird somit immer komplexer. Hier die lukrativsten Kanäle zu identifizieren und Arbeitsweisen und Technologien an die digitale Distribution anzupassen, ist keine leichte Aufgabe.

Verschärfter Wettbewerb durch neue Marktteilnehmer

Mit den technischen Möglichkeiten, die durch die Digitalisierung entstanden sind, sind auch neue Akteure in den Markt getreten. Zu nennen sind hier insbesondere drei Gruppen:

  • soziale Netzwerke, die über spezielle News-Apps den Content von Verlagen verbreiten (zum Beispiel Facebook Instant Articles),
  • Digitalkioske, die Einzelartikel zum Kauf anbieten (zum Beispiel Blendle)
  • Unternehmen, die in Zeiten des Content Marketing selbst redaktionellen Content produzieren.

Diese drei Gruppen buhlen nun gemeinsam mit den Verlagen um die Aufmerksamkeit der Zielgruppen. Sie alle wollen am Geschäft mit digitalen Inhalten mitverdienen. In diesem verschärften Wettbewerb müssen sich die Verlage mit ihrem Angebot behaupten.

Alte Erlösmodelle funktionieren nicht im Digitalen

Viele Verlage verbreiten ihre Inhalte bereits auf digitalem Wege, haben aber an der grundlegenden Arbeitsweise nicht viel verändert: Inhalte werden produziert, gebündelt und anschließend dem Publikum zum Kauf angeboten. Anzeigen auf der Website sollen für weitere Einnahmen sorgen. Erlösmodelle aus dem klassischen Publishing wurden hier einfach auf den Online-Bereich übertragen. Doch so einfach funktioniert das nicht. Denn die Nutzer sind im Internet nur bedingt bereit, für redaktionelle Inhalte zu zahlen. Online-Anzeigen werden kaum akzeptiert. Und auch die Contentvermarktung über Dritte, zum Beispiel über die News-Apps der sozialen Netzwerke, führt bisher nicht zu den erhofften Erlösen, wie ein Beitrag auf pubiz.de zeigt.

Verlagen brauchen ein neues Content-Verständnis

Wie sollen Verlage dann im digitalen Zeitalter ihr Geld verdienen? Das ist die entscheidende Frage, die die Branche derzeit bewegt. Experten sind sich einig, dass vor allem jene Verlage erfolgreich sein werden, denen es gelingt, sich von alten Publishing-Denk- und Arbeitsweisen zu lösen. Jörn Fahsel, Herausgeber der Studie „Publishing 4.0 – Chancen, Anforderungen, Konzepte“, vergleicht in einem Interview mit Contiago die Situation mit der Erfindung des Automobils:

„Henry Ford wollte nicht schnellere Pferdekutschen bauen, sondern mit dem Auto eine völlig neue Form der Fortbewegung schaffen. Ähnlich sind wir im Publishing an einem Punkt, wo Verlage den Übergang vom klassischen Printprodukt hin zu einer neuen Form von digitalem Content im Sinne einer Content-Dienstleistung bewältigen müssen.“

Es geht somit um ein völlig neues Verständnis von Content selbst, aber auch von den Bedingungen, unter denen Content entsteht und unter denen er vertrieben wird.

Der Content der Zukunft ist modular und medienneutral

Verlagsinhalte gelangen heute über eine Vielzahl von Kanälen zum Leser. Um diese möglichst effizient bedienen zu können, sollten Inhalte strukturiert und vom Kanal getrennt erfasst werden. Die Grundlage dafür bilden Formate wie XML. Verlage sind gut beraten, sich damit auseinanderzusetzen und in geeignete Werkzeuge für das Content Management zu investieren. Denn nur, wenn Inhalte in einem medienneutralen Format vorliegen, ist es möglich, sie flexibel in verschieden Kanäle auszuspielen und den Prozess der Content-Distribution zu automatisieren.

Es gibt im Markt bereits einige Verlage, die Inhalt und Kanal konsequent trennen. Ein Beispiel ist der Züricher Verlag Compendio, der unterschiedlichste Lehrmittel anbietet, die auf ein und denselben Inhalten basieren. Auch auf neue Kundenanforderungen kann der Verlag so schnell reagieren. Treibende Kraft ist hier ein Management, das nicht in den klassischen Publishing-Denkweisen verhaftet ist, wie der Publishing-Experte Haeme Ulrich erklärt. Auch die notwendigen Mittel und Ressourcen stellt der Verlag bereit.

Die Relevanz des Content ist entscheidend

Es geht jedoch nicht nur um Technik. Durch die neuen Kanäle sind auch die Anforderungen an die Relevanz der Inhalte gestiegen: Entscheidend ist heute nicht, ob Content gedruckt oder digital ausgeliefert wird. Er muss für den Leser relevant sein. Ist er das nicht, lässt er sich nicht verkaufen, egal in welchem Kanal. Der Leser hat die Macht und bestimmt, welche Inhalte er wann, in welcher Form und auf welchem Endgerät konsumiert. Das ist im Grunde nichts Neues: Auch bisher hat der Leser entschieden, welche Artikel er beispielsweise in einem Fachmagazin liest und welche nicht. Der Unterschied ist nur, dass Verlage heute die technischen Möglichkeiten haben, genau zu ermitteln, was der Leser will. Und damit erwächst ein Anspruch des Lesers, auch die Inhalte zu bekommen, die zu seinen Interessen passen. Man könnte sogar sagen:

In einer Zeit, in der Content so intelligent sein kann, dass er den Bedarf des Lesers erkennt, hat der Leser Anspruch auf ein für ihn passendes Angebot.

Verlage  müssen also in der Lage sein, das Nutzerverhalten zu analysieren. Und sie müssen darüber hinaus die , sondern auch diese Insights nutzen können, um nahezu in Echtzeit neue Content-Produkte zu entwickeln. Hier kommen Themen wie „Data Mining“ und „Process Mining“ ins Spiel, mit denen sich viele Verlage bereits beschäftigen. Gleichzeitig müssen sie aber auch die nötige Bereitschaft für eine engere Zusammenarbeit mit dem Publikum entwickeln.

Geschäftsmodelle heute und morgen

Ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell unterscheidet sich somit in vielen Punkten von dem, was heute in der Branche zu finden ist:

  • Gebündelte Inhalte (Magazin, Zeitung) werden ersetzt durch Content, der sich flexibel in verschiede Kanäle ausspielen lässt.
  • Die Entwicklung der Inhalte basiert auf dem Wissen um den tatsächlichen Bedarf des Konsumenten. Diese Insights sind eine wertvolle Ressource.
  • Der Verlag wandelt sich vom Verleger zum Content-Dienstleister, der auch Unternehmen zu seinen Kunden zählt.
  • Erlösmodelle aus dem klassischen Publishing werden ergänzt um neue Geschäftsmodelle wie Content-Licensing oder den Vertrieb über Distributoren.
  • Das Publishing ist datengetrieben, was Investitionen in Bereiche wie Analytics und Content-Management erfordert.

Fazit

Welches Erlösmodell langfristig erfolgreich ist, wird sich noch zeigen. Doch fest steht schon heute: Content ist auch in unserer Umsonstwelt nicht wertlos. Im Gegenteil: Content ist zu einer Leitwährung in der Kommunikation geworden. Und es liegt in den Händen der Verlage, den Wert dieser Währung zu bestimmen und zu erhalten. Entscheidend ist, dass sie ein neues Verständnis von Content entwickeln, Prozesse und Strukturen so gestalten, dass sie flexibel auf die Anforderungen ihrer Leser reagieren können und sich als vertrauenswürdige Quelle für hochwertige Informationen positionieren.

Innovation@Publishing 2017: Keine Patentrezepte für Verlage in Sicht

Innovation@Publishing 2017

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf publizierende Unternehmen aus? Diese Frage diskutierten Anfang Dezember 2017 Experten aus Wissenschaft und Verlagswelt auf der Zukunftskonferenz Innovation@Publishing in Erlangen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Praxisberichte aus Verlagen, die die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung veranschaulichten. Die wichtigsten davon fassen wir hier zusammen.

Herausforderung 1: Paid Content

„Zeitung 4.0“, Michael Husarek, Chefredakteur bei den Nürnberger Nachrichten

Der Verlag Nürnberger Presse Druckhaus Nürnberg bringt zwei klassische Tageszeitungen heraus: die Nürnberger Nachrichten und die Nürnberger Zeitung. Die Gesamtauflage liegt bei 240.000 Exemplaren – Tendenz sinkend. In den letzten 25 Jahren hat der Verlag 100.000 Abonnenten verloren. Das Nachrichtenportal im Internet verzeichnet 800.000 Leser und 35 Millionen Klicks pro Monat. Doch daran verdient der Verlag nicht, sondern zahlt kräftig drauf. Ein Drittel des Traffics auf seinem Online-Portal generiert der Verlag über Facebook. Twitter trägt kaum zur Reichweite bei. Der Verlag testet permanent neue Produkte, wie zum Beispiel eine digitale Abendausgabe. Doch diese scheitern häufig an der mangelnden Zahlungsbereitschaft der Leser. Seit drei Jahren bietet der Verlag seinen Lesern eine News-App, die ebenfalls nicht profitabel ist.

Paid Content bietet der Verlag derzeit in zwei Formaten an: ein E-Paper der Zeitung und das digitale Magazin „Samson“, dass jedoch nur zurückhaltend angenommen wird. Für die Vermarktung der Online-Nachrichten setzt der Verlag auf einen üblichen Mix aus kostenfreien Inhalten, Freemium und harter Bezahlschranke. Die Hoffnung des Verlags liegt auf neuen Trends wie Sprachassistenten. Hier erhofft man sich über kurz oder lang eine wachsende Nachfrage nach regionalen Inhalten. Auch Themen wie autonomes Fahren oder Smart Home wecken die Hoffnung, dass das Publikum künftig durch die neuen Möglichkeiten wieder mehr Zeit in für das Konsumieren von Nachrichten aufwendet. Hier wird es für den Verlag darauf ankommen, mit Anbietern und Herstellern frühzeitig gemeinsame Lösungen zu entwickeln um sich neue Vertriebskanäle für ihre Nachrichten zu sichern.

Herausforderung 2: Digitale Geschäftsmodelle entwickeln

Chancen der Digitalisierung für Fachverlage, Dr. Gunther Schunk, Chief Communication Officer bei Vogel Business Media.

Der „Maschinenmarkt“ ist das erste und auch erfolgreichste Produkt von Vogel Business Media und zudem die weltweit auflagenstärkste Fachzeitschrift mit einer Auflage von rund sechs Millionen Lesern. Trotz der Erfolgszahlen hat der Verlag bereits vor über zehn Jahren damit begonnen, sich neu zu erfinden. Mit neuen Produkte jenseits des klassischen Printgeschäfts erwirtschaftet er heute zwei Drittel des Umsatzes. Dabei handelt es sich um Angebote in den Geschäftsfeldern Wissen (Paid Content, Data, Workflow Solutions), Agentur/B2B-Services und Media (Events). Die Produktstrategie umfasst dabei sowohl die Weiterentwicklung klassischer Produkte als auch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle – beides über Ventures und Kooperationen mit Startups. Aus dem alten Verlagsgebäude wurde ein Media Campus. Dort, wo früher Zeitschriften geschrieben und gedruckt wurden, bietet der Verlag heute Raum für Gründer und neue Entwicklungen wie Chatbots und künstliche Intelligenz. Zentrales Ziel ist dabei, den direkten Kontakt zum Leser – eines der wichtigsten Assets von Verlagen – auch unter veränderten Bedingungen zu pflegen.

Lesetipp: Im Interview mit Contiago erläutert die die Unternehmensberaterin Katja Nettesheim, wie Fachverlage von Startups profitieren können, und gibt Tipps für die Zusammenarbeit.


Fazit

Diese drei Beispiele haben unser Bild von der Verlagswelt erneut bestätigt: Fachverlage tun sich mit der Digitalisierung offenbar leichter als Publikumsverlage. Während Vogel Business Media neue, digitale Geschäftsmodelle bereits erfolgreich umsetzt, ist es den Nürnberger Nachrichten noch nicht gelungen, sich vom klassischen Printdenken zu lösen und digitale Erlösmodelle zu finden, die den anhaltenden Leserschwund ausgleichen könnten. Hier ist es noch ein weiter Weg zu dem vom Veranstalter propagierten „Publishing 4.0“.

 

Mehr über Publishing 4.0 lesen Sie in unserem Interview mit Jörn Fahsel von der Universität Erlangen.

Webinar on Demand: Fachverlag 4.0 – Was sind die Erlösquellen der Zukunft?

Header Image Distributed Content

Wie Verlage mit Content Licensing in Zukunft Geld verdienen

Die Verlagsbranche ist im Umbruch. Das Digitalgeschäft kommt nicht in Schwung, die Suche nach neuen Erlösquellen gestaltet sich schwierig. Google, Facebook und Digitalkioske wie Blendle wollen sich als neue Partner positionieren, bleiben aber hinter den Erwartungen zurück. Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme und eine Rückbesinnung auf die eigentliche Stärke der Verlage: ihre unangefochtene Kompetenz in Sachen Content.

In diesem Webinar stellen wir gängige und neue Geschäftsmodelle auf den Prüfstand. Was bringen Paid Content, Distributed Content & Co. wirklich? Welche Ansätze gibt es darüber hinaus, um Content heute und morgen effektiv zu monetarisieren? Ist Content Marketing das Verlags-Business der Zukunft? Und wenn ja, wer sind dann die Kunden von morgen?

Unternehmen benötigen heute schon mehr Content, als sie zu produzieren in der Lage sind. Hier tut sich für Verlage ein neuer Markt auf, indem sie Nutzungsrechte an Unternehmen lizenzieren. Wir zeigen Ihnen, wie B2B Content Licensing funktioniert und wie Sie mit geringem Aufwand und ohne Risiko in das lukrative Geschäftsfeld starten.

Themen des Webinars:

  • Paid Content, Distributed Content & Co: Erlösmodelle auf dem Prüfstand
    Welche Vor- und Nachteile bieten gängige und neue Modelle im Umsatzmix der Fachverlage?
  • Zeit zu Handeln: Fit für die Content-Vermarktung im digitalen Zeitalter
    Wie müssen Fachverlage ihr Geschäftsmodell verändern, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
  • Geschäftsmodell Content Licensing: Wie Sie vom Content Marketing Trend profitieren
    Welche Möglichkeiten bietet das Lizenzieren von Inhalten als Ergänzung zu bestehenden Erlösquellen?
  • Contiago als Tool für Publisher: So gelingt der Einstieg ins B2B Content Licensing
    Technologie, Funktionen und Nutzung der Contiago Content Plattform

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Infografik Fachverlag 4.0 – Chancen und Risiken auf dem Weg in die Zukunft

Fachverlag 4.0 – Chancen und Risiken auf dem Weg in die Zukunft

Der Übergang von Print zu Digital stellt Fachverlage vor große Herausforderungen. Denn durch die Digitalisierung gerät vieles in Bewegung: die Beziehung zwischen Verlag und Leser, die Art der Content-Distribution, Strukturen und Prozesse im Verlag, Produkte und Dienste, Technologien und sogar das Geschäftsmodell.

Ein Geschäftsmodell im Umbruch

Das heutige Geschäftsmodell vieler Fachverlage basiert auf den Grundprinzipien des klassischen Publishings. Verlage produzieren und bündeln Inhalte und vertreiben sie an ihre Abonnenten. Neben den Einnahmen aus dem Vertrieb generiert der Verlag Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft und sonstigen Content-Dienstleistungen.

Geschäftsmodelle von morgen müssen deutlich flexibler auf die sich verändernden Anforderungen der Leser reagieren, indem sie neue Wege finden, sich in der Vielzahl von Angeboten als vertrauenswürdige Quelle für hochwertige Informationen zu behaupten. Publisher müssen sich den Anforderungen digitaler Konsumenten anpassen – beginnend bei der Planung, über die Distribution bis hin zur flexiblen Vermarktung von Inhalten.

Neues Geschäftsfeld durch Content Marketing

In Zeiten von Content Marketing und Co. treten immer mehr Unternehmen in den Wettbewerb um die Gunst der Leser ein. Zum einen als Anbieter von nutzwertigen Informationen, was sie zu Konkurrenten von Fachverlagen macht. Aber auch als Abnehmer von Fachinhalten, was für Verlage ein neues Geschäftsfeld eröffnet. Das Lizenzieren von Content an Unternehmen wird somit zukünftig eine wichtige Rolle im Erlösmix von Fachverlagen spielen.

Fachverlag-Digitale-Transformation-Infografik

Fachverlag 4.0 – Chancen und Risiken auf dem Weg in die Zukunft