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Content Licensing: Wie Publisher vom Content Marketing Trend profitieren

Content Licensing

Das Lizenzieren von Content an Unternehmen ist für Verlage nichts Neues. Allerdings hat sich die Rolle der Abnehmer geändert und damit auch ihr Bedarf. Das schafft neue Erlösmodelle für Verlage — ein neues Content-Verständnis vorausgesetzt.

Der Bedarf an hochwertigen Inhalten wächst

In Zeiten von Content Marketing werden Unternehmen zu Verlegern, denn redaktionelle Inhalte sind in der Marketingkommunikation en vogue. Das sieht mancher Publisher als Gefahr für sein Business. Denn er konkurriert nun auch mit Unternehmen um die Gunst der Leser. Einer Bitkom-Studie zufolge sehen 64% der Verlage ihre Rolle als fachliche Instanz in ihrer Nische in Gefahr.

Doch wer die neuen Player im Content-Markt nur als Konkurrenz wahrnimmt, übersieht ein wichtiges Detail: Viele Unternehmen verfügen gar nicht über die nötigen Ressourcen, die Erfahrung und das Know-How, um hochwertige Inhalte regelmäßig selbst zu erstellen. Da bleibt häufig nur der Griff nach externen Quellen. Und hier kommen die Verlage ins Spiel.

Content Marketing als Chance begreifen

Für Publisher bietet die Entwicklung eine große Chance. Denn Unternehmen, die Content Marketing betreiben, sind zwar Konkurrenten, aber auch potenzielle Abnehmer für Inhalte. Ob für ihre Webseite, für ihren Vertrieb oder als Futter für soziale Medien: Der Bedarf ist vorhanden und kann von Verlagshäusern ohne viel Aufwand gedeckt werden. Das setzt jedoch voraus, dass Verlage umdenken: Weg von der Eindimensionalität des Print-Magazins hin zur Verbreitung über verschiedene digitale Kanäle.

Digital bedeutet dabei nicht, Content kostenlos abzugeben, wie das bei den Publikumsmedien üblich ist. Digital eröffnet vielmehr die Möglichkeit, neue Vertriebskanäle und damit neue Erlösmodelle zu erschließen. Und zwar nicht in erster Linie für frischen Content – denn der wird weiterhin über das Magazin verkauft – sondern vielmehr für den wertvollen „Evergreen-Content“, der in den Verlagsarchiven schlummert: Das „Archiv-Gold“.

Das Lizenzieren von Content neu denken

Über den Verkauf von Lizenzen können Verlage den Unternehmen ihren Content zur Verfügung stellen. Das ist für Medienunternehmen grundsätzlich nicht neu, denn seit jeher vermarkten sie Inhalte auf diesem Wege an Unternehmen und Publisher. Neu ist in Zeiten des digitalen Publishings allerdings die Vielzahl der Kanäle, in denen Content gebraucht wird. Die Zeichen der Zeit stehen auf Multi-Channel-Publishing. Dem muss die Vermarktungsstrategie der Verlage folgen.

Das Lizenzieren von Content muss auch im Multi-Channel-Umfeld funktionieren. Und dazu müssen Verlage ihre Prozesse und Technologien anpassen. So müssen Schnittstellen zu den Abnehmern geschaffen werden. Und der Content selbst muss in einer Form bereitgestellt werden, die es erlaubt, ihn flexibel und möglichst automatisiert in verschiedene Kanäle auszuliefern. Hier betreten viele Publisher echtes Neuland.

Impulse für die digitale Fitness

Keine Frage: Neue digitale Vertriebsmodelle erfordern technologische Veränderungen und Anpassungen. Allerdings sind die grundlegenden Voraussetzungen für das Lizenzieren von Content in den meisten Verlagen bereits vorhanden: Der Content liegt in digitalen Formaten vor. Und die Publishing-Systeme ermöglichen es in der Regel, fremde Systeme auf Abnehmerseite anzubinden. Wo technische Schnittstellen fehlen, können externe Systeme oder Content-Marktplätze wie Contiago eine Brücke schlagen. Das löst nicht nicht nur praktische Probleme, sondern stärkt die digitale Fitness des Verlages.

Fazit

Die Chancen, die das Lizenzieren von Content bietet, sind aus technischer Sicht zum Greifen nah. Und die Nachfrage nach redaktionellen Inhalten in den Marketingabteilungen von Unternehmen wächst. Grund genug für Verlage, über neue Erlösmodelle für ihren Content, insbesondere die Werte die in ihren Archiven schlummern, nachzudenken.

Publishing 4.0: Veränderung nach dem Baukastenprinzip 

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In seiner Studie „Publishing 4.0 – Chancen, Anforderungen, Konzepte“ wirft Jörn Fahsel einen Blick in die Zukunft des Publishing. Im Gespräch mit Contiago erläutert er, wo die Reise im digitalen Publishing hingeht und wie Verlage mit agilen Prinzipien darauf reagieren können.

Contiago: Wie wird das Publishing sich in den kommenden Jahren verändern?

Jörn Fahsel: Henry Ford wollte nicht schnellere Pferdekutschen bauen, sondern mit dem Auto eine völlig neue Form der Fortbewegung schaffen. Ähnlich sind wir im Publishing an einem Punkt, wo Verlage den Übergang vom klassischen Printprodukt hin zu einer neuen Form von digitalem Content im Sinne einer Content-Dienstleistung bewältigen müssen. Das setzt ein neues Verständnis von Content selbst voraus, aber auch von den Bedingungen, unter denen Content entsteht. Ich möchte das an einigen Aspekten erläutern:

Intelligenter Content
Digitaler Content besteht nicht nur aus Text, sondern enthält zu einem großen Teil Meta-Informationen, die ihn „intelligent“ machen. Das sind vor allem semantische und pragmatische Informationen hin zum Wissen sowie Lizenzbedingungen, die es ermöglichen, dass Content automatisch an fremde Systeme „andockt“. Zum Beispiel, wenn Inhalte aus einem Fachverlag in unterschiedliche Kanäle ausgeliefert werden soll – Stichwort Multi-Channel. Und das ist nur der Anfang. Zukünftig werden Systeme wie IBM Watson eigenständig auf Inhalte aus Verlagen zugreifen und diese für unterschiedliche Zwecke das heißt pragmatisch also kontextabhängig nutzen. Künstliche Intelligenz wird in den kommenden Jahren den Umgang mit Content grundlegend verändern. Dementsprechend müssen sich Form und Informationsgehalt der Inhalte ändern.

Agile Prozesse im Verlag
Aus Multi-Channel-Publishing ergeben sich neue Anforderungen an Prozesse und Abläufe in Verlagen. Denn diese müssen deutlich flexibler werden, um sich bei Bedarf an sich ändernde Bedingungen anpassen zu können. Im Business (Prozess) Engineering haben sich hierfür bausteinbasierte Modelle etabliert. Unterstützt wird dies durch Standards wie sie beispielsweise in der Deutschen Normungsroadmap Industrie 4.0 beschrieben werden. Dadurch werden Verlage zukünftig in der Lage sein, ihre Prozesse modular aufzubauen und agil weiterzuentwickeln.

Der Konsument wird zum Prosument
Eine weitere große Veränderung ergibt sich aus dem engen Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage im digitalen Publishing. Aus Konsumenten werden Prosumenten, die an der Entwicklung von Content selbst mitwirken: Inhalteanbieter analysieren ihr Nutzerverhalten und entwickeln nahezu in Echtzeit neue Content-Produkte, die exakt zum Bedarf passen. Das setzt voraus, dass Verlage in der Lage sind, Daten in großen Mengen zu erfassen und in neue Produkte umzusetzen. Hier kommen „Data Mining“ und „Process Mining“ ins Spiel. Das ist einigen Fachverlagen bekannt oder bereits in Anwendung. Die Herausforderung liegt hier eher darin, die nötige Bereitschaft für eine engere Zusammenarbeit mit dem Konsumenten zu entwickeln. Hier betreten Fachverlage Neuland.

Kooperation mit Wettbewerbern
Fachverlage sind auf die Zusammenarbeit mit Partnern angewiesen, wenn es darum geht, Inhalte zu entwickeln und zu vermarkten. Neben den Autoren und Vertriebspartnern werden dabei zukünftig auch Wettbewerber eine wichtige Rolle spielen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Haufe Suite, eine Plattform auf der verschiedene Verlage Fachinhalte für Unternehmen bereitstellen können. Hier werden die Inhalte semantisch angereichert und lassen sich auf der Plattform vernetzen. Fachverlage müssen lernen, mit Wettbewerbern zu kooperieren, um ihr eigenes Angebot zu ergänzen und zu optimieren. Hier ist ein Umdenken gefragt, was mit konsequenter Kundenorientierung gemeint ist.

Der Verlag als lernende Organisation
Der Fachverlag wandelt sich zum Informations- und Wissensdienstleister mit einer Reihe von neuen Funktionen und Berufsbildern im Unternehmen. Content-Ingenieure und Datenanalysten werden das Bild des Verlages prägen. Agilität, die wir in der Entwicklung neuer Produkte finden, wird auch die Bildung und das Lernen im Verlag prägen. Ziel ist es hier, die Fortbildung der Mitarbeiter konsequent am Bedarf auszurichten.

Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für Fach- und Special-Interest-Verlage?

Verlage müssen einen grundlegenden Wandel im Unternehmen in Gang bringen und steuern. Dabei kommt es vor allem auf die Führung an, die Innovation im Unternehmen konsequent durchsetzt und nicht vortäuscht, weil Digitalisierung gerade en vogue ist. Gefragt ist echtes „Digital Leadership“.  Außerdem kommt es darauf an, das klassische Verlagsgeschäft schrittweise in die digitale Welt zu überführen. Das bedeutet: Das Printgeschäft muss als „Cash-Cow“ mindestens solange aufrechterhalten werden, bis neue digitale Geschäftsmodelle greifen. Ein Umschalten von heute auf morgen wäre aus wirtschaftlicher Sicht wie Harakiri mit Anlauf. „Es braucht eine lange Zeit, um über Nacht berühmt zu werden.“ Dieses Zitat von Michael Jackson gilt auch für die digitale Transformation von Fachverlagen.

Welche Fähigkeiten sollten Verlage schon heute entwickeln, um auf die permanente Veränderung von Kundenbedürfnissen, Wettbewerbsumfeld und Geschäftsmodellen reagieren zu können?

Der Wandel vom Verlagsobjekt hin zum Content-Service kann nur gelingen, wenn Verlage den gesamten Prozess von der Konzeption bis hin zur Auslieferung an den Leser neu denken und soweit wie möglich digital unterstützen. Die digitale Content-Journey beginnt beim Finden und Einbinden von Autoren, die kollaborativ an Ideen und Inhalten arbeiten. Für die Veröffentlichung wird der Content medienneutral in Datenbanken gespeichert, die es ermöglichen, ihn nach Bedarf zu durchsuchen und mit anderen Inhalten zu vernetzen.

Die technologischen Grundlagen für die digitale Content-Journey sollten Fachverlage heute schon entwickeln. Und zwar nach einem Bausteinprinzip, das es ermöglicht, einzelne Teile jederzeit zu erneuern und an den Stand der Entwicklung anzupassen. Denn niemand kann sagen, wohin die Reise im digitalen Publishing genau geht und welche Anforderungen sich daraus ergeben werden.

Wo stehen Fach- und Special-Interest-Verlage heute?

Viele Verlage arbeiten noch sehr klassisch. Denn warum sollte man beispielsweise ein Content-Management-System anschaffen, wenn die Umsätze auch ohne technische Neuerungen stabil sind? Angeregt durch neue Entwicklungen wie etwa onlinebasiertes Cross-Media-Publishing, beginnen Verlage erst langsam, über Digitalisierung nachzudenken und erste Schritte zu gehen. Kleinere Verlage haben hier in der Regel weniger finanziellen Spielraum und tun sich mit dem Thema Digitalisierung entsprechend schwerer. Eine digitale Transformation nach dem Baukastenprinzip ermöglicht es zukünftig auch kleinen Verlagen, notwendige Veränderungen sinnvoll zu gliedern, sodass das Unternehmen jederzeit die Kontrolle behält und handlungsfähig bleibt.

Jörn Fahsel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für E-Publishing und Digitale Märkte am Institut für Buchwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen und Herausgeber der Studie Publishing 4.0 – Chancen, Anforderungen, Konzepte.

 

Jörn Fahsel

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